armasuisse ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Beschaffung, Technologie und Immobilien im VBS. Mit rund 1'020 Mitarbeitenden und einem jährlichen Beschaffungsvolumen von rund CHF 2,5 Milliarden verwaltet armasuisse über 15'000 Verträge pro Jahr. [1]
Die heutige Organisation entstand als Konsequenz der Mirage-Affäre 1964: Massive Kostenüberschreitungen führten zur ersten parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) der Schweizer Geschichte und zum Rücktritt von Bundesrat Paul Chaudet. [2] Die damalige Kriegstechnische Abteilung wurde schrittweise zur heutigen armasuisse umgebaut -- mit dem Ziel, die Beschaffung institutionell von der militärischen Nutzung zu trennen.
Sechs Jahrzehnte später stellen EFK, GPK und Finanzdelegation in zahlreichen Berichten fest, dass sich zentrale Muster wiederholen. Diese Seite dokumentiert die öffentlich zugänglichen Befunde -- von der Mirage-Affäre 1964 bis zu den F-35-Mehrkosten 2025.
Hinweis: Diese Seite stützt sich ausschliesslich auf öffentlich zugängliche Berichte von EFK, GPK, Finanzdelegation, Bundesgericht sowie Berichterstattung renommierter Qualitätsmedien. Wo armasuisse oder das VBS zu den Befunden Stellung genommen haben, werden diese Gegenpositionen wiedergegeben.
Die folgende Tabelle fasst die dokumentierten finanziellen Verluste aus gescheiterten, problematischen und überteuerten Rüstungsbeschaffungen zusammen. Die Teuerungsbereinigung erfolgt auf Basis des Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) des Bundesamts für Statistik. [65]
| Projekt | Zeitraum | Verlust (nominal) | Faktor | Verlust (CHF 2025) |
|---|---|---|---|---|
| Mirage III: Kostenüberschreitung | 1964 | CHF 576 Mio. | ×4.4 | ~CHF 2'530 Mio. |
| Panzer 68: Militärisch ungenügendes System | 1968--79 | CHF 1'100 Mio. | ×3.3 | ~CHF 3'630 Mio. ¹ |
| M-109 KAWEST: 124 unnötige Modernisierungen | 1995 | ~CHF 214 Mio. | ×1.2 | ~CHF 257 Mio. ² |
| BODLUV 2020: Projektabbruch | 2016 | ~CHF 20 Mio. | ×1.1 | ~CHF 22 Mio. |
| Gripen TTE: Gescheiterte Beschaffung | 2008--14 | CHF 8 Mio. | ×1.1 | ~CHF 9 Mio. |
| ADS-15 Drohne: Kostenüberschreitung | 2015-- | CHF 50 Mio. | ×1.1 | ~CHF 55 Mio. |
| Mörser 16: Fragliche Vergabe, 7 J. Verspätung | 2016-- | CHF 600 Mio. | ×1.1 | ~CHF 660 Mio. ³ |
| TKA Funkgeräte: Kostenüberschreitung | 2019-- | CHF 50 Mio. | ×1.08 | ~CHF 54 Mio. |
| F-35 Festpreis: Mehrkosten (konservativ) | 2022-- | ~CHF 590 Mio. | ×1.05 | ~CHF 620 Mio. ⁴ |
| F-35 Hangars: Kostenüberschreitung | 2023-- | CHF 80 Mio. | ×1.02 | ~CHF 82 Mio. |
| RUAG-Betrug: 26 mutmassliche Fälle | 2014--23 | Nicht beziffert | -- | Nicht beziffert |
| Homburger-Gutachten: Umstrittene Beratung | 2021--25 | CHF 2.5 Mio. | ×1.05 | ~CHF 2.6 Mio. |
| Konservatives Total (Mehrkosten + versunkene Kosten) | ~CHF 3'631 Mio. | |||
| Erweitertes Total (inkl. Panzer 68 + Mörser 16) | ~CHF 7'921 Mio. |
Erläuterungen:
Konservativ gerechnet belaufen sich die nachgewiesenen Beschaffungsverluste auf rund CHF 3,6 Milliarden in heutigen Preisen. Werden auch die Gesamtkosten fraglicher Systeme (Panzer 68, Mörser 16) einbezogen, steigt der Betrag auf rund CHF 7,9 Milliarden.


Die Beschaffung von 100 Dassault Mirage III S wurde 1961 vom Parlament mit einem Kredit von CHF 871 Millionen bewilligt. Im April 1964 musste der Bundesrat einen Nachtragskredit von CHF 576 Millionen beantragen (+66%). [2] [3]
Die Ursachen lagen in geheimen Sonderwünschen der Luftwaffe, der teuren Lizenzproduktion in der Schweiz und dem Einbau amerikanischer Bordelektronik -- Kosten, die dem Parlament verschwiegen worden waren. [54]
Konsequenzen: Das Parlament lehnte den vollen Nachtragskredit ab und bewilligte nur CHF 150 Mio. Die Flotte wurde von 100 auf 57 Flugzeuge reduziert. Die erste PUK der Schweizer Geschichte wurde eingesetzt, Bundesrat Paul Chaudet trat zurück, Luftwaffenchef Primault wurde entlassen. [4] [54]
Der Kampfpanzer 68 war eine Eigenentwicklung der Eidgenössischen Konstruktionswerkstätte Thun. Zwischen 1968 und 1979 wurden insgesamt 390 Panzer in verschiedenen Versionen für über CHF 1,1 Milliarden beschafft. [53]
Die Beschaffung erfolgte primär aus industriepolitischen Gründen. Verteidigungsminister Nello Celio erklärte gemäss NZZ offen: «Ce n'est pas une nécessité militaire, c'est une nécessité industrielle!» [53]
1979 enthüllte die Weltwoche einen internen Lagebericht, der schwere technische Mängel dokumentierte: Die Kanone feuerte selbstständig ab, wenn die Heizung eingeschaltet wurde; das NBC-Schutzsystem war ungenügend; beim Erhöhen der Radiolautstärke begann sich der Turm zu drehen. [53]
Konsequenzen: Parlamentarische Untersuchung 1979, Rücktritt von Verteidigungsminister Gnägi. Die Panzer blieben trotz der Mängel bis ~2005 in Dienst und wurden mangels Käufer verschrottet.
In den 1990er-Jahren bewilligte das Parlament rund CHF 600 Millionen für die Modernisierung (KAWEST-Programm) von 348 Panzerhaubitzen M-109. Die Armeeführung wusste zum Zeitpunkt der Kreditbewilligung bereits, dass aufgrund laufender Armeereformen nur 224 Systeme benötigt würden. Dennoch wurden alle 348 Fahrzeuge modernisiert. [64]
Die Kosten für die 124 unnötig modernisierten Systeme belaufen sich auf rund CHF 214 Millionen -- Steuergelder, die wissentlich für nicht benötigtes Gerät ausgegeben wurden.
Das Projekt «Bodengestützte Luftverteidigung 2020» sollte die veralteten Rapier-Systeme ersetzen. Der ursprüngliche Masterplan von 2013 sah CHF 500 Millionen für ein Komplettsystem vor. Bis 2015 waren die Grobkostenschätzungen bereits auf über CHF 800 Millionen gestiegen. [55]
Am 22. März 2016 sistierte Bundesrat Parmelin das gesamte Projekt, nachdem die SRF-Rundschau ihn mit internen Informationen konfrontiert hatte, die er nach eigener Aussage nicht kannte. [56]
Die GPK rügte den Sistierungsentscheid als «sachlich und politisch nicht nachvollziehbar». [57] Die versunkenen Kosten für Evaluationsvorbereitungen beliefen sich auf rund CHF 20 Millionen. Schwerer wiegt die Fähigkeitslücke: Nach der Ausserdienststellung des Rapier 2022 hatte die Schweiz keine bodengestützte Luftverteidigung mittlerer Reichweite mehr.
2008 begann armasuisse die Evaluation für den Tiger-Teilersatz (TTE). Die Evaluationskosten betrugen rund CHF 8 Millionen. 2011 fiel die Typenwahl auf den Saab Gripen E/F -- ein Flugzeug, das zum damaligen Zeitpunkt noch nie geflogen war. Der Bundesrat beantragte CHF 3,126 Milliarden für 22 Gripen. [58]
Am 18. Mai 2014 lehnten 53,4% der Stimmenden die Beschaffung in einer Volksabstimmung ab. Die CHF 8 Millionen Evaluationskosten waren damit versunkene Kosten. [58]
2015 bewilligte das Parlament CHF 558 Millionen für die Werterhaltung von 2'200 Transportfahrzeugen Duro. Die Kosten pro Fahrzeug lagen mit über CHF 200'000 deutlich über dem ursprünglichen Anschaffungspreis (~CHF 140'000). Kritiker argumentierten, eine Neubeschaffung wäre günstiger gewesen. [60]
Der Hersteller Mowag hatte die Studie, die «Werterhaltung» als günstiger als Neubeschaffung darstellte, selbst erstellt -- ein Interessenkonflikt. [60] Während der Sanierung meldete der österreichische Motorenlieferant Steyr Motors Insolvenz an; bereits eingebaute Motoren mussten ausgetauscht werden. Per Mitte 2020 waren erst 40 von 2'200 Fahrzeugen abgeliefert. armasuisse forderte «mehrere Millionen Franken» Konventionalstrafen wegen Verspätung. [59]
2016 bewilligte das Parlament CHF 404 Millionen für 48 Panzermörser-Systeme «Cobra» auf Piranha-Fahrgestell. Mit zusätzlichen Bestellungen stieg das Gesamtvolumen auf rund CHF 600 Millionen. [63]
Die EFK kritisierte, es habe «kein wirklicher Wettbewerb» stattgefunden: Nur zwei Systeme standen auf der Shortlist (RUAG Cobra und Patria Nemo), und die militärischen Anforderungen seien während des Verfahrens mehrfach angepasst worden, «um das RUAG-System zu bevorzugen». [61] [62]
Das System hat keinen geschlossenen Turm -- die Besatzung ist bei der Schussabgabe exponiert. Angesichts der Drohnenerfahrungen aus dem Ukrainekrieg ist dies ein gravierender Nachteil: Das konkurrierende finnische System Patria Nemo verfügt über einen geschlossenen Turm und kann in 10 Sekunden nach dem Schuss die Position wechseln. [63] Die Auslieferung begann 2024 -- sieben Jahre später als geplant.
Im Mai 2022 publizierte die EFK den Prüfbericht 21410 zum F-35-Beschaffungsvertrag. Die Kernkritik: Für den vom VBS kommunizierten «Festpreis» von 6,035 Milliarden CHF bestehe keine hinreichende Rechtssicherheit im Rahmen des US-amerikanischen Foreign Military Sales (FMS)-Systems. [5]
armasuisse wies die EFK-Kritik scharf zurück und bezeichnete den Bericht als Gefährdung der Bundesinteressen. [6] Im September 2022 wurde der Vertrag unterzeichnet -- trotz der offenen Rechtsfragen. [7]
Im Februar 2025 teilte die US Defense Security Cooperation Agency (DSCA) den Schweizer Behörden mit, der Festpreis sei aus US-Sicht ein «Missverständnis»: Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung habe kein Produktionsvertrag zwischen den USA und Lockheed Martin für die Schweizer F-35-Slots bestanden. [8]
Der ehemalige EFK-Chef Michel Huissoud erklärte im Juni 2025 gegenüber SRF, armasuisse habe nach der EFK-Warnung genügend Zeit gehabt, die rechtliche Unsicherheit zu klären. Stattdessen sei der Vertrag rasch abgeschlossen worden, um der Volksinitiative «Stop F-35» zuvorzukommen. [9]
Die geschätzten Mehrkosten betragen 650 Millionen bis 1,3 Milliarden USD. [8]
Position armasuisse: armasuisse berief sich auf «über 40 Jahre FMS-Erfahrung» und erklärte, der Festpreis sei vertraglich gesichert. [6]
Die Beschaffung des Aufklärungsdrohnensystems ADS 15 begann 2008. Der geplante Einsatz war für 2020 vorgesehen; ein realistischer Termin ist frühestens 2029. Das Parlament bewilligte 2015 rund 250 Millionen CHF; die Gesamtkosten liegen inzwischen bei rund 300 Millionen CHF. [10] [11]
Die EFK kritisierte überambitionierte Ziele, mangelnde Planung und unzureichendes Risikomanagement. Der Hersteller Elbit liefere verspätet und nicht in der geforderten Qualität. Fünf von sechs Drohnen wurden geliefert, keine ist einsatzfähig. [11] [12]
Ein VBS-Risikomanager bat aufgrund mangelnden Sachverstands um Entlassung aus der Funktion -- vergeblich. [13]
Die Finanzdelegation stellte fest, dass das Projekt durch «helvetische Sonderwünsche» zusätzlich verteuert und verzögert wurde. [14]
2018 wurde ein Kostendach von 120 Millionen CHF für die F-35-Infrastruktur festgelegt. Die EFK stellte fest, dass die Kosten auf über 200 Millionen CHF steigen; zusätzliche Projekte im Umfang von über 50 Millionen CHF wurden identifiziert. Die Grundlage für das Kostendach entsprach gemäss EFK nicht den gesetzlichen Anforderungen. [15] [16]
Die Baubewilligungen verzögerten sich: Payerne um mindestens sechs Monate, Meiringen und Emmen um mindestens ein Jahr. [17]
Das Gesamtvolumen der TKA-Beschaffung beträgt rund 1,6 Milliarden CHF. Der geplante Abschluss bis 2032 verzögert sich um mindestens drei Jahre (frühestens 2035). Der Hersteller Elbit liefert verspätet und mit Qualitätsmängeln. Die erwarteten Mehrkosten betragen rund 50 Millionen CHF. [36] [37]
Die SIG Sauer P320 fiel gemäss einem armasuisse-Insider durch die Truppentauglichkeitsprüfung; nur die Glock G45 erfüllte alle Musskriterien. Die P320 war in der Vorevaluation bereits eliminiert worden. Rüstungschef Urs Loher entschied persönlich, die Pistole wieder ins Rennen zu nehmen. [38]
Position VBS/armasuisse: Die festgestellten Mängel seien «nachrüstbare Anpassungen». Die Wahl der P320 erfolge aufgrund der inländischen Produktion, des 20% tieferen Preises und rüstungspolitischer Vorteile. [39]
2022 bestellte die Schweiz fünf Patriot-Systeme für rund 2 Milliarden CHF (Lieferung 2026--2028). Im Juli 2025 informierten die USA, dass die Ukraine bei Patriot-Lieferungen priorisiert werde. Von den 2 Milliarden waren bereits rund 650 Millionen CHF überwiesen; die Schweiz setzte die Ratenzahlungen aus. [40] [41]
Die FMS-Vertragsbedingungen erlauben den USA einseitige Anpassungen der Lieferprioritäten. Als Konsequenz wird die zusätzliche Beschaffung des Systems Iris-T von Diehl Defence (Deutschland) geprüft. [42]
Die Finanzdelegation stellte «mit grosser Besorgnis» fest, dass sich die Lage der Schlüsselprojekte von armasuisse «merklich verschlechtert» habe. Das Gesamtvolumen der betroffenen Projekte beträgt rund 19 Milliarden CHF. Gefordert werden eine transparentere Berichterstattung und realistischere Planung. [14] [9]
Die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats (GPK-N) publizierte im September 2022 ihren Bericht zum Evaluationsverfahren «Neues Kampfflugzeug». Die Kernkritik: VBS und Bundesrat hätten die Rahmenbedingungen so definiert, dass kein Handlungsspielraum für aussenpolitische Aspekte blieb. [18] [19]
Von fünf Empfehlungen der GPK-N lehnte der Bundesrat eine ab und betrachtete drei als bereits erfüllt. [20] [21]
Im Juli 2025 beschloss die GPK-N eine erneute Inspektion zu den Themen Fixpreis und Informationspolitik des VBS. [22]
Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerats (GPK-S) stellte im Januar 2022 fest, dass das bestehende Controlling der Offset-Geschäfte (Kompensationsgeschäfte) keine Aussagen über die Zielerreichung erlaube. Strategische Ziele wie Technologiezugang und Wettbewerbsfähigkeit seien nicht überprüfbar. Der Digitalisierungsgrad des Controllings sei tief, die VBS-Aufsicht ausserhalb grosser Projekte schwach. [23] [24] [25]
Ein Whistleblower meldete im August 2019 beim VBS-Generalsekretariat Betrug bei RUAG. Die Kernaussage wurde aus der internen Stellungnahme gestrichen, der Bericht geriet «in Vergessenheit». [26]
Ein ehemaliger RUAG-Mitarbeiter hatte 2020 niederländische Panzer-Ersatzteile für 4,5 Millionen EUR eingekauft (NATO-Referenzwert: bis 48 Mio. EUR). Die EFK identifizierte 26 mutmassliche Betrugsfälle. Zwischen 2014 und 2023 wurden 1'140 Vernichtungen und 1'319 Bestandsanpassungen ohne Armeegenehmigung vorgenommen. [26] [27]
Die GPK-S rügte die Aufsicht als «versagt auf allen Stufen». [28]
Am 27. April 2021 erteilte das VBS der Anwaltskanzlei Homburger einen Auftrag für rund 550'000 CHF (über 500 CHF pro Stunde). Das Ergebnis: ein 1,5-seitiges Gutachten zur «Plausibilisierung» der Evaluationsergebnisse. Später folgte eine rechtliche Einschätzung des «Festpreis»-Begriffs -- von den USA als «Missverständnis» abgetan. [33] [34]
Insgesamt flossen über vier Jahre rund 2,5 Millionen CHF an Homburger. Die GPK kritisierte die Doppelrolle als Berater und Gutachter zur selben Materie. [35]
SRF berichtete am 30. September 2021, dass armasuisse nach dem Typenentscheid vom Juni 2021 die unterlegenen Anbieter bei Abschlussgesprächen aufgefordert habe, alle eingereichten Daten zu vernichten oder zurückzugeben -- vor Beginn des parlamentarischen Prozesses. Alle unterlegenen Anbieter bestätigten die Darstellung. [29] [30]
Position armasuisse: Die Anfrage habe sich ausschliesslich auf militärisch klassifizierte Daten bezogen. [29]
Zwei Medienschaffende (Tamedia, SRF) erstritten vor Bundesgericht einen Etappensieg: Das Gericht befand, dass die von armasuisse und der Empa geltend gemachten Ausnahmen vom Öffentlichkeitsprinzip nicht anwendbar seien. Betroffen waren Lärmmessungen bei Testflügen und Bewertungsmethoden der Evaluation. [31] [32]
Die Analyse der Einzelfälle durch EFK, GPK und Finanzdelegation über sechs Jahrzehnte lässt fünf wiederkehrende Muster erkennen:
| Muster | Evidenz | Zeitraum |
|---|---|---|
| Fehlende Vertragsexpertise | Mirage: Kosten dem Parlament verschwiegen; F-35: «Festpreis» ohne US-rechtliche Absicherung im FMS-System | 1964--2025 |
| Mangelhaftes Risikomanagement | Panzer 68: bekannte Mängel ignoriert; ADS-15: Risikomanager bat um Entlassung; Qualitätsrisikomanagement wird ab 2026 an drei externe Firmen ausgelagert [43] | 1968--2037 |
| Systematische Kostenüberschreitungen | Mirage (+66%), M-109 (36% unnötig modernisiert), ADS 15 (+50 Mio.), TKA (+50 Mio.), F-35 Festpreis (+650 Mio.--1,3 Mrd. USD), Hangars (+80 Mio.) | 1964--2025 |
| Politische Einflussnahme auf technische Entscheide | Panzer 68: «nécessité industrielle»; P320: Intervention Rüstungschef; Mörser 16: Anforderungen angepasst; F-35: Fixpreis-Narrativ trotz EFK-Warnung | 1968--2025 |
| Strukturelle Abhängigkeit von Herstellern | RUAG-Betrug (26 Fälle); Elbit-Mängel (ADS 15 + TKA); Mowag-Interessenkonflikt (Duro); USA-Lieferpriorisierung (Patriot); einseitige FMS-Vertragsbedingungen | 2014--2025 |
Diese Muster erstrecken sich über sechs Jahrzehnte und deuten auf strukturelle Schwächen hin, die mit personellen Wechseln allein nicht zu beheben sind. Die kumulative Bilanz von geschätzten CHF 3,6 bis 7,9 Milliarden in heutigen Preisen unterstreicht den Reformbedarf.
Die Schweiz und Finnland wählten fast zeitgleich den F-35A als neues Kampfflugzeug -- die Schweiz im Juni 2021, Finnland im Dezember 2021. Beide Entscheide fielen im Rahmen des US Foreign Military Sales (FMS)-Systems. Die öffentlich zugänglichen Vertragsbedingungen zeigen jedoch erhebliche Unterschiede im Verhandlungsergebnis.
| Aspekt | Finnland (64 F-35A) | Schweiz (36 F-35A) |
|---|---|---|
| Gesamtbudget | ~9,4 Mrd. EUR (10 Mrd. Rahmen) [45] | ~6,035 Mrd. CHF (~6,25 Mrd. EUR) |
| Preiskonstanz | Stabil innerhalb des Budgetrahmens [46] | Mehrkosten von 650 Mio. bis 1,3 Mrd. USD [8] |
| Flottenstärke | 64 Einheiten unverändert [46] | Reduktion der geplanten 36 Einheiten angekündigt [47] |
| Support bis 2030 | Im Kaufpreis enthalten (2,92 Mrd. EUR) [45] | Erstausstattung Ersatzteile und Initial Sustainment im Kredit; längerfristige Betriebskosten separat |
| Industrielle Tiefe | Patria: Vorderrumpf-Produktion für globale Lieferkette; Triebwerkshub [48] [49] | RUAG: 4 Endmontagen (RIGI-Projekt) |
| Datensouveränität | Nationale Server + Insta Cross-Domain-Solution [50] | Diskussion erst nach Kaufentscheid |
| Offset-Pflichtquote | 30% (qualitativ tiefe Integration) [51] | 60% (Zielerreichung nicht überprüfbar [23]) |
Die Gegenüberstellung zeigt erhebliche Unterschiede im Verhandlungsergebnis bei vergleichbarem Beschaffungsgegenstand:
Betriebskosten: Der finnische Vertrag schliesst Wartung, Ersatzteile und Training bis 2030 explizit im Kaufpreis ein (2,92 Mrd. EUR) [45]. Der Schweizer Beschaffungskredit enthält eine Erstausstattung Ersatzteile und Initial Sustainment, jedoch nicht die längerfristigen Betriebskosten.
Industrielle Integration: Finnlands Industriebeteiligung geht über klassische Offset-Geschäfte hinaus: Patria produziert F-35-Vorderrumpf-Sektionen für die globale Lieferkette, was Finnland zu einem strukturell unverzichtbaren Partner des Programms macht [48]. Die Schweizer Endmontage von 4 Jets (RIGI-Projekt) schafft keinen vergleichbaren dauerhaften Platz in der globalen Lieferkette.
Preisstabilität: Das finnische Programm bewegt sich gemäss offiziellen Angaben innerhalb des geplanten Budgetrahmens [46]. In der Schweiz führten die von den USA mitgeteilten Mehrkosten dazu, dass der Bundesrat die Reduktion der Flottenstärke ankündigte [47] [52].
Datensouveränität: Finnland hat bereits vor Vertragsabschluss Massnahmen zur Datensouveränität verhandelt, darunter nationale Server und eine eigenentwickelte Cross-Domain-Solution [50]. In der Schweiz gewannen Fragen zur Abhängigkeit von US-kontrollierten Logistiksystemen erst nach dem Kaufentscheid an Bedeutung.
Hinweis: Die unterschiedlichen Ergebnisse sind auch vor dem Hintergrund unterschiedlicher geopolitischer Rahmenbedingungen zu sehen: Finnland teilt eine 1'300 km lange Grenze mit Russland und ist seit 2023 NATO-Mitglied, was die Verhandlungsposition gegenüber den USA beeinflusst haben dürfte.
Für eine detaillierte Darstellung des finnischen F-35-Programms und seiner Budgetstruktur siehe: Internationale Erfahrungen. Zum Vergleich der industriellen Beteiligungsmodelle siehe: Offset-Geschäfte und Industriebeteiligung.
Für eine Analyse internationaler Best Practices und konkreter Reformmodelle für die schweizerische Rüstungsbeschaffung siehe: Reform der Rüstungsbeschaffung
Am 20. Juni 2025 verabschiedete der Bundesrat seine erste Rüstungspolitische Strategie mit 10 Handlungsfeldern. [44] Diese adressiert teilweise die identifizierten Problemfelder, geht aber nicht an die institutionelle Struktur von armasuisse.
[1] armasuisse -- Organisation
[2] Bundesarchiv -- Tücken einer Flugzeugbeschaffung: Die Mirage-Affäre
[3] Dodis -- Beginn der Mirage-Affäre 1964
[4] Historisches Lexikon der Schweiz -- Mirage-Affäre
[5] EFK Prüfbericht 21410 -- F-35 Festpreis (PDF)
[6] SRF -- Finanzkontrolle und armasuisse streiten sich wegen F-35-Preis
[7] SRF -- F-35: Wenn der Festpreis zur Glaubensfrage wird
[8] NZZ -- Fixpreis für F-35: Warum die USA von Missverständnis sprechen (25.6.2025)
[9] SRF -- Ehemaliger EFK-Chef über F-35-Kauf (27.6.2025)
[10] EFK -- Prüfung ADS 15 Drohnensystem
[11] Aargauer Zeitung -- Harsche Kritik der Finanzkontrolle an Pannendrohne ADS 15
[12] SRF -- Keine einsatztauglichen Drohnen
[13] 20 Minuten -- VBS-Risikomanager bat mangels Sachverstand um Entlassung (2024)
[14] NZZ -- Drohnenprojekt in der Krise wegen helvetischer Sonderwünsche
[15] 20 Minuten -- Finanzkontrolle warnt vor Kosten und Verzögerungen bei F-35-Hangars
[16] Moneycab -- Finanzkontrolle rügt Umgang mit Kredit für Kampfjet-Infrastrukturen
[17] SRF -- Sind die Militärflugplätze bereit, wenn der erste F-35 kommt?
[18] GPK-N -- Inspektion zum Evaluationsverfahren Neues Kampfflugzeug (Juli 2025)
[19] Jungfrau Zeitung -- Aufsicht kritisiert fehlenden Handlungsspielraum (2022)
[20] SRF -- Bundesrat reagiert auf Einwände zur Kampfjet-Beschaffung
[21] Tages-Anzeiger -- Bundesrat weist Kritik am Verfahren beim F-35-Kauf zurück
[22] GPK-N -- Inspektion Fixpreis und Informationspolitik (1.7.2025)
[23] GPK-S -- Bericht Controlling Offset-Geschäfte (PDF, 25.1.2022)
[24] NZZ -- Niemand weiss, was Offset-Geschäfte der Schweiz wirklich bringen
[25] Aargauer Zeitung -- Kommission will Kontrolle von Kompensationsgeschäften stärken
[26] SRF -- RUAG-Betrugsfall: Aufsicht durch Bundesrat war «haarstraeubend»
[27] NZZ -- Finanzkontrolle seziert RUAG und zeigt Versagen auf allen Stufen
[28] Tages-Anzeiger -- Parlamentsaufsicht rügt Bund wegen Panzer-Verkauf
[29] SRF -- Wollte der Bund Daten rund um die Kampfjetbeschaffung vernichten? (30.9.2021)
[30] SRF -- Vernichtung von Kampfjet-Akten: Das sagt das Gesetz
[31] SRF -- Bundesgericht hebt Entscheide zu F-35-Unterlagen auf
[32] Blick -- Etappensieg vor Bundesgericht gegen armasuisse
[33] NZZ -- Die Anwälte von Homburger und ihre umstrittene Rolle beim Kampfjet-Kauf (19.7.2025)
[34] Tages-Anzeiger -- Nutzlose Gutachten für die F-35
[35] Blick -- Amherds versteckte Anwaltskosten aufgedeckt: 2,5 Millionen für Zürcher F-35-Anwälte
[36] NZZ -- Auch die neuen Funkgeräte der Armee kommen zu spät und kosten mehr
[37] Tages-Anzeiger -- Funkgeräte, Mörser, Duros: Noch mehr Baustellen bei der Armee (17.2.2025)
[38] 20 Minuten -- Armasuisse-Insider: Neue Schweizer Pistole fiel durch (6.12.2025)
[39] NZZ -- Rüstungschef Urs Loher zur neuen Armeepistole
[40] SRF -- Schweiz muss länger auf bestellte Patriot-Raketen warten
[41] Tages-Anzeiger -- Patriot-Raketen: Schweiz stoppt Zahlungen an USA
[42] NZZ -- Die Schweiz bekommt ihre Patriots verspätet: ein klares Signal aus den USA
[43] SRF -- Warum externe Berater künftig die Rüstung beaufsichtigen (28.8.2025)
[44] VBS -- Rüstungspolitische Strategie des Bundesrats (Juni 2025)
[45] Finnish Government -- F-35A Bekanntgabe (10.12.2021)
[46] Finnish Government -- Review of F-35 Programme Status
[47] Breaking Defense -- Switzerland reduces F-35 buy after $610 million price hike (12/2025)
[48] EDR Magazine -- Patria: Significant role in F-35 supply chain
[49] Defense News -- Finland approves construction of Patria's F-35 assembly facility (3/2024)
[50] Insta -- DomainLink Secret Cross-Domain-Solution
[51] Air & Space Forces Magazine -- Finland Formalizes Deal for 64 Block 4 F-35s (2/2022)
[52] SWI swissinfo.ch -- Switzerland to buy fewer F-35 fighter jets (12/2025)
[53] NZZ -- Der Pannenpanzer aus der Schweiz
[54] SWI Swissinfo -- Mirage löste erste PUK und Rücktritt eines Bundesrats aus
[55] EFK -- Projekt bodengestützte Luftverteidigung 2020
[56] SRF -- Bodluv-Debakel: Bundesrat Parmelin in schlechtem Licht
[57] Tages-Anzeiger -- Parmelins Bodluv-Entscheid nicht nachvollziehbar
[58] SRF -- Gripen stürzt beim Stimmvolk ab (18.5.2014)
[59] Aargauer Zeitung -- Duro hat Verspätung: Armee fordert Millionen-Busse
[60] SRF -- Mowag: Profiteur der umstrittenen Duro-Sanierung
[61] NZZ -- Mörser: Anforderungen geändert, kein wirklicher Wettbewerb
[62] Swissinfo -- Finanzkontrolle kritisiert Verfahren zur Beschaffung neuer Mörser
[63] 20 Minuten -- 600 Millionen Franken für stark verwundbare Mörser (2024)
[64] Tages-Anzeiger -- Artillerie kämpft mit 60 Jahre alten Panzern
[65] BFS -- Landesindex der Konsumentenpreise (Teuerungsrechner)
Weitere Referenzen: