Die Schweiz steht vor einer einmaligen Chance: Die laufende Erneuerung der Kampfflugzeugflotte bietet die Möglichkeit, nicht nur die Landesverteidigung auf Jahrzehnte zu sichern, sondern gleichzeitig einen bedeutenden Industriestandort aufzubauen. Diese Vision zeigt, wie das gelingen kann.
Detaillierte Analysen und Quellenbelege finden sich in den Fachkapiteln dieses Wikis. Mehrere umfassende Studien zu den hier beschriebenen Themen liegen vor und können beim Autor angefordert werden.
Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich fundamental verändert. Die Schweiz kann sich darauf vorbereiten -- und zwar klüger, als es eine rein konventionelle Aufrüstung ermöglichen würde.
Die Vision ruht auf vier Pfeilern:
| Pfeiler | Kernidee |
|---|---|
| Gemischte Flotte | Mehr Kampfflugzeuge, höhere Verfügbarkeit, diversifiziertes Risiko |
| MRO-Exzellenz | Schweizer Wartungskompetenz als europäischer Exportfaktor |
| Technologie-Ökosystem | Passive Sensorik und Drohnendetektion "Made in Switzerland" |
| Industrielle Eigenverantwortung | Die Wirtschaft als Treiber -- nicht der Staat allein |

Abbildung: Betriebskosten pro Flugstunde im Vergleich. Quelle: GAO 2024, CBO 2024, Saab.
Die Idee ist einfach und bewährt: Statt alle Mittel in einen einzigen, hochkomplexen Flugzeugtyp zu investieren, wird die Flotte auf zwei komplementäre Muster aufgeteilt. Ein kleinerer Anteil hochspezialisierter Kampfflugzeuge übernimmt die anspruchsvollsten Missionen, während ein grösserer Anteil kosteneffizienter Maschinen den täglichen Betrieb sicherstellt.
Konkret: 15 F-35A für High-End-Missionen und 35 Gripen E für den Alltagsbetrieb -- zusammen 50 Kampfflugzeuge innerhalb des bestehenden Budgets von CHF 6 Milliarden.
| Vorteil | Erläuterung |
|---|---|
| 50 statt maximal 35 Kampfflugzeuge | Im gleichen Budget deutlich mehr Flugzeuge verfügbar |
| Doppelte Verfügbarkeit | ~40 einsatzfähige Jets statt ~18 bei einer reinen F-35-Flotte |
| Souveräner Grundbetrieb | Luftpolizei und Alltagsmissionen auf europäischem Muster (Gripen E) |
| Risikodiversifikation | Kein Single-Source-Risiko -- bei Problemen mit einem Typ bleibt der andere einsatzfähig |
| Näher an der Expertenforderung | 50 Kampfflugzeuge liegen deutlich näher an den geforderten 55-70 als 35 oder weniger |
| Bewährtes Konzept | Die Schweiz betrieb bis 2003 erfolgreich drei Muster parallel (Mirage III, Tiger, F/A-18) |
Bei 35 F-35A und einer dokumentierten Mission Capable Rate von rund 51% stehen der Schweiz im Ernstfall nur etwa 18 einsatzfähige Kampfflugzeuge zur Verfügung. Eine gemischte Flotte von 50 Kampfflugzeugen mit einer Gripen-E-Verfügbarkeit von über 80% verdoppelt diese Zahl.

Abbildung: Flottengrösse und einsatzbereite Jets im Vergleich. Quelle: GAO, Saab/FMV.
| Aufgabe | F-35A (15 Stück) | Gripen E (35 Stück) |
|---|---|---|
| Erstschlag-Abschreckung | Primär | -- |
| Deep Strike / SEAD | Primär | -- |
| Luftpolizei (QRA) | -- | Primär |
| Luftraumüberwachung | Unterstützend | Primär |
| Ausbildung / Training | Begrenzt | Primär |
| Übungen mit Partnern | Beide | Beide |
Das Budget von CHF 6 Milliarden reicht bei aktueller Preisentwicklung für maximal 35 F-35A -- oder für eine gemischte Flotte aus 15 F-35A (ca. CHF 2.85 Mrd.) und 35 Gripen E (ca. CHF 3.15 Mrd.), die zusammen 50 Kampfflugzeuge ergeben.

Abbildung: Beschaffungskosten nach Flottenvariante. Quelle: Educated Guess.
Was passiert, wenn die Schweiz die Anzahl F-35A reduziert und die frei werdenden Mittel in Gripen E investiert? Die folgende Übersicht zeigt vier Szenarien innerhalb des bestehenden Budgets von CHF 6 Milliarden.
| Szenario | F-35A | Gripen E | Total Flugzeuge | F-35A Kosten | Gripen E Kosten |
|---|---|---|---|---|---|
| Status quo | 35 | 0 | 35 | CHF 6.0 Mrd | -- |
| Szenario A | 25 | 14 | 39 | CHF 4.75 Mrd | CHF 1.26 Mrd |
| Szenario B | 20 | 24 | 44 | CHF 3.80 Mrd | CHF 2.16 Mrd |
| Vision | 15 | 35 | 50 | CHF 2.85 Mrd | CHF 3.15 Mrd |

Abbildung: Flottenszenarien -- Flottengrösse (links) und kumulierte Betriebs- & Wartungskosten über 30 Jahre (rechts). Rote Unsicherheitsbalken zeigen mögliche Lieferreduktion bei der F-35A. Quelle: Educated Guess (F-35A ~CHF 38'000/FH, Gripen E ~CHF 7'500/FH, 200 FH/Jahr).
Kernaussage: Bereits eine moderate Reduktion auf 25 F-35A ermöglicht 14 zusätzliche Gripen E -- die Gesamtflotte wächst von 35 auf 39 Kampfflugzeuge, während die Betriebskosten über 30 Jahre von CHF 8.0 Mrd auf CHF 6.3 Mrd sinken. Im Visionsszenario (15 F-35A + 35 Gripen E) verdoppelt sich die einsatzbereite Kapazität bei gleichem Budget und die Betriebskosten halbieren sich nahezu auf CHF 5.0 Mrd.

Abbildung: Szenarien auf einen Blick -- Flottengrösse, einsatzbereite Jets, Lebenszykluskosten und Kosten pro einsatzbereitem Jet im Vergleich. Quelle: Educated Guess basierend auf GAO 2024, CBO 2024, Saab/FMV.
Da die Kaufvertragsbedingungen der F-35A als geheim klassifiziert sind, basieren diese Darstellungen auf Modellrechnungen mit öffentlich zugänglichen Daten. Die Unsicherheitsfaktoren sind entsprechend gross -- die Analysen zeigen jedoch eindeutige Trends, die auch bei konservativer Betrachtung Bestand haben.
Die wirtschaftlichen Vorteile einer gemischten Flotte werden über den gesamten Lebenszyklus von 30 Jahren besonders deutlich. Die tieferen Betriebskosten des Gripen E kumulieren sich zu erheblichen Einsparungen.

Abbildung: Kumulative Lebenszykluskosten im Vergleich (20 Jets, 30 Jahre). Quelle: Educated Guess basierend auf GAO und Saab/FMV.

Abbildung: Gesamtkosten über 30 Jahre nach Flottenvariante. Quelle: Educated Guess.
Die Schweiz wäre nicht allein mit diesem Ansatz. Kanada diskutiert aktiv eine vergleichbare Strategie: Saab hat 2025/2026 ein Angebot über 72 Gripen E und 6 GlobalEye-Überwachungsflugzeuge vorgelegt. Die Debatte über gemischte Flotten gewinnt international an Dynamik.

Abbildung: Umsetzungsfahrplan Gemischte Flotte 2026-2035. Quelle: Eigene Darstellung.
→ Detaillierte Analyse: Strategische Optionen Kampfflugzeugflotte
MRO steht für Maintenance, Repair, Overhaul -- Wartung, Reparatur und Überholung. MRO ist das wirtschaftliche Rückgrat jedes Kampfflugzeugprogramms: Über den 30-jährigen Lebenszyklus einer Kampfflugzeugflotte fallen 60-70% der Gesamtkosten auf MRO. Bei 50 Kampfflugzeugen bedeutet das Milliarden-Umsätze über Jahrzehnte.
Wer MRO beherrscht, kontrolliert die operative Souveränität. Wer von ausländischen MRO-Anbietern abhängig ist, riskiert Lieferengpässe, politische Druckmittel und den Verlust technologischer Kompetenz.
Die drei MRO-Stufen:
| Stufe | Bezeichnung | Umfang | Ort |
|---|---|---|---|
| O-Level | Organizational Level | Tägliche Inspektionen, Betankung, Waffenbeladung, Vorabflugchecks | Direkt auf dem Flugplatz |
| I-Level | Intermediate Level | Komponentenreparatur, Avionik-Diagnose, Triebwerks-Modulaustausch | In der Werft / Maintenance Unit |
| D-Level | Depot Level | Generalüberholung, Strukturreparaturen, Lebensdauerverlängerung, Software-Upgrades | Im Kompetenzzentrum |
Jede MRO-Stufe, die im Inland durchgeführt wird, stärkt die Souveränität und schafft hochqualifizierte Arbeitsplätze.
Die europäische F-35-Flotte wächst rasant. 14 Nationen werden bis 2035 über 600 F-35 betreiben -- ein gewaltiger MRO-Markt.

Abbildung: Projizierte europäische F-35-Flotte 2026-2035. Quelle: Lockheed Martin, nationale Beschaffungsbehörden.
Die Vision: Die Schweiz baut ein MRO-Kompetenzzentrum auf, das nicht nur die eigene Flotte wartet, sondern europäischen Partnern Dienstleistungen anbietet. Dies ist kein Wunschdenken -- es gibt erfolgreiche Vorbilder:
Referenzmodell Brasilien-Schweden (Gripen E):
Referenzmodell Finnland (F-35A):
Die Schweiz könnte das brasilianische Modell für den Gripen-E-Anteil der gemischten Flotte umsetzen -- mit vollständigem Technologietransfer und Quellcode-Zugang. Schweden hat diese Bereitschaft bei früheren Evaluationen bereits signalisiert.
Die Schweiz bringt ideale Voraussetzungen mit:
Die MRO-Vision eröffnet eine wirtschaftliche Perspektive, die weit über die reine Beschaffung hinausgeht:

Abbildung: Europäisches F-35 MRO-Marktvolumen 2026-2035 in Milliarden USD. Quelle: Oliver Wyman, GAO, eigene Berechnung.
| Phase | Zeitraum | Schwerpunkt |
|---|---|---|
| Phase 1: Grundlagen | 2026-2028 | Offset-Verträge abschliessen, Ausbildungsprogramme starten, Infrastruktur planen |
| Phase 2: O-Level + I-Level | 2029-2032 | Eigenständige Wartung und Reparatur der Gripen-E-Flotte, erste Exportdienstleistungen |
| Phase 3: D-Level | 2033-2036 | Generalüberholung und Lebensdauerverlängerung im Inland, Software-Kompetenz |
| Phase 4: Export-Kompetenz | 2037-2040 | MRO-Dienstleistungen für europäische Partner, internationales Kompetenzzentrum |

Abbildung: Umsetzungsfahrplan Schweizer F-35 MRO-Hub 2026-2035. Quelle: Eigene Darstellung.
Die Kampfflugzeugflotte ist nur ein Element der Luftverteidigung. Die Schweiz hat die Möglichkeit, ein vernetztes Ökosystem aufzubauen, das die eigenen Stärken optimal nutzt:
Passive Coherent Location (PCL) nutzt bestehende Funksignale (DAB+, DVB-T, Mobilfunk), um Flugobjekte zu orten -- ohne selbst Signale auszusenden. Die Schweiz verfügt über ein dichtes Netz von Sendern und die technologische Basis für diese Entwicklung. Ein PCL-Netz ergänzt konventionelle Radarsysteme und macht die Luftraumüberwachung resilienter.
Die Bedrohung durch Drohnenschwärme erfordert neue Detektionsmethoden. Akustische Sensornetzwerke -- klein, günstig, flächendeckend einsetzbar -- können Drohnen frühzeitig erkennen. Die Schweizer Industrie (Akustik, Sensorik, IoT) hat das Potenzial, hier führend zu werden.
Gerichtete Energiewaffen (Laser, Hochleistungsmikrowellen) bieten eine kosteneffiziente Antwort auf Drohnenbedrohungen. Ein Schuss kostet Cents statt Hunderttausende Franken. Die Schweiz kann als Integrator solcher Systeme in die bestehende Luftverteidigung auftreten.
→ Detaillierte Analyse: Alternative Verteidigungstechnologien
Die Politik hat den Rahmen geschaffen: Offset-Verpflichtungen, ein Budget von CHF 6 Milliarden, und eine sicherheitspolitische Lage, die Investitionen in die Verteidigung legitimiert. Die Studien und Analysen liegen vor. Die Fakten sprechen für sich.
Was jetzt fehlt: Die Industrie muss das Zepter in die Hand nehmen.
Es braucht Unternehmen, die die Initiative ergreifen und die MRO-Vision zur Realität machen -- nicht warten, bis der Staat den Weg vorgibt. Das MRO-Kompetenzzentrum wird nicht von oben verordnet -- es entsteht durch unternehmerischen Mut, industrielle Partnerschaften und langfristiges Denken.
MRO-Kerngeschäft (Priorität 1):
Sensorik und Überwachung:
Systemintegration:
Die Studien liegen vor. Die Analysen sind gemacht. Die Fakten sprechen für sich.
Jetzt braucht es den Mut der Schweizer Industrie, diese Vision zur Realität werden zu lassen. Das Zepter liegt bereit -- es muss nur ergriffen werden.
Die Schweiz hat alles, was es braucht: Erstklassige Ingenieure, eine weltbekannte Präzisionsindustrie, exzellente Ausbildungsinstitutionen und die finanziellen Mittel. Die gemischte Kampfflugzeugflotte ist die Brücke zwischen Realismus und Ambition -- sie bietet mehr Sicherheit im gleichen Budget. Das MRO-Kompetenzzentrum ist der wirtschaftliche Motor, der aus einer Beschaffung ein Generationenprojekt macht.
Es liegt in unseren Händen.
Mehrere umfassende Studien zu den in dieser Vision beschriebenen Themen liegen vor und können beim Autor angefordert werden. Die Studien umfassen detaillierte Kostenanalysen, technische Vergleiche und strategische Bewertungen.
Weiterführende Analysen in diesem Wiki: