Die F-35 Lightning II ist das komplexeste und teuerste Waffensystem in der Geschichte der militärischen Luftfahrt. Als Kampfflugzeug der fünften Generation verkörpert sie einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Weg von der reinen kinematischen Überlegenheit hin zur Informationsdominanz und spektralen Überlegenheit [1]. Dieser Artikel dokumentiert die zehn zentralen technischen Systeme der F-35 auf Basis verifizierter Originalquellen.
Die F-35 wird in drei Varianten produziert, die auf einem gemeinsamen Grunddesign basieren, sich jedoch erheblich in ihrer Konstruktion unterscheiden. Entgegen häufiger Darstellungen beträgt die tatsächliche Gemeinsamkeit zwischen den Varianten nur rund 20% gemeinsame Strukturbauteile [2].
Die F-35A ist die Hauptvariante der US Air Force und das Exportmodell für internationale Partner, darunter die Schweiz. Sie ist für konventionellen Start und Landung auf befestigten Pisten ausgelegt.
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Höchstgeschwindigkeit | Mach 1.6 |
| Kampfradius | >1'093 km (590 nm) |
| Dienstgipfelhöhe | >15'240 m (50'000 ft) |
| g-Limit | +9.0/-3.0 g |
| Interne Treibstoffkapazität | 8'278 kg (18'250 lbs) |
| Leergewicht | ca. 13'290 kg |
Quelle: USAF Fact Sheet F-35A [3], Lockheed Martin F-35 Broschüre [4]
Die F-35B ist die Variante des US Marine Corps und der Royal Air Force. Sie verfügt über das Rolls-Royce LiftFan-System und eine schwenkbare Düse, die Kurzstart und Vertikallandung ermöglichen.
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Kampfradius | >833 km (450 nm) |
| Vertikalschub | >18'000 kg (kombiniert) |
| g-Limit | +7.0 g |
| Besonderheit | Kleinere Waffenschächte als F-35A/C |
Die F-35C ist die Trägervariante der US Navy mit verstärkter Zelle, Fanghaken und klappbaren Flügeln für den Betrieb auf Flugzeugträgern.
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Kampfradius | >1'111 km (600 nm) |
| Flügelspannweite | 13.1 m (43 ft) – grösser als A/B |
| g-Limit | +7.5 g |
| Besonderheit | Verstärkte Fahrwerk-Struktur, grössere Flügelfläche |
Per Ende 2024 wurden über 1'000 F-35 an die internationalen Nutzer ausgeliefert. Die Jahresproduktionsrate liegt bei rund 150 Flugzeugen, mit einem Ziel von 156 pro Jahr [5].
Das Pratt & Whitney F135 ist das leistungsstärkste Kampfflugzeugtriebwerk, das je in Serienproduktion ging. Es existiert in drei Untervarianten [6]:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Trockenschub | ca. 128 kN (28'000 lbf) |
| Nachbrennerschub | ca. 191 kN (43'000 lbf) |
| Triebwerkslänge | ca. 5.59 m (220 Zoll) |
| Einlassdurchmesser | ca. 1.09 m (43 Zoll) |
| Architektur | Dreistufiger Fan, sechsstufiger Hochdruckverdichter, Ringbrennkammer |
| Wartungskonzept | 6 Handwerkzeuge für alle Line Replaceable Components |
Quellen: P&W F135 Fast Facts [7], P&W F135 Characteristics [8]
Über 1'300 Triebwerke wurden ausgeliefert und haben zusammen mehr als 1 Million Flugstunden absolviert [6].
Das ECU modernisiert den Triebwerkskern und bietet [9]:
Der ECU-Vertrag beläuft sich auf 1.31 Milliarden USD [10].
Das Adaptive Engine Transition Program (AETP) mit den Demonstratoren XA100 (GE) und XA101 (P&W) wurde für die F-35 nicht weiterverfolgt, da die adaptiven Triebwerke nur in die F-35A, nicht aber in die B- und C-Varianten passen [11]. Stattdessen fliesst die AETP-Technologie in das Next Generation Advanced Propulsion (NGAP)-Programm für den F-47 (NGAD) mit einem Gesamtvolumen von 7 Milliarden USD [12].
Die Avionik der F-35 besteht aus vier eng integrierten Hauptsystemen, die durch eine zentrale Fusions-Engine zu einem einheitlichen taktischen Bild verknüpft werden [13].
Entwickelt von Northrop Grumman, ist das AN/APG-81 ein Active Electronically Scanned Array (AESA) der dritten Generation mit rund 1'676 Sende-/Empfangsmodulen (TRMs) auf GaAs-Basis (Galliumarsenid) [14].
Betriebsmodi:
Das System erhielt 2010 den David Packard Award für herausragende Beschaffungsleistung [14].
Sechs im Flugzeug verteilte MWIR-Sensoren (Medium-Wave Infrared) bilden eine vollständige 360-Grad-Infrarotabdeckung [15]. Funktionen umfassen:
Ab Lot 15 wird das ursprüngliche Northrop-Grumman-System durch eine Next-Gen-Version von RTX/Raytheon ersetzt [16].
Das von Lockheed Martin entwickelte EOTS ist das weltweit erste konformal integrierte elektro-optische Zielsystem [17]. Es vereint:
Das Advanced EOTS-Upgrade (ab Block 4) bringt SWIR-Sensoren (Short-Wave Infrared) und HDTV-Auflösung [18].
Die Communications, Navigation and Identification (CNI)-Suite von Northrop Grumman integriert über 27 Avionik-Funktionen in einem Software-Defined-Radio-System [19]. Sie umfasst:
Der geplante Übergang vom AN/APG-81 zum AN/APG-85 markiert einen fundamentalen Technologiewechsel in der Halbleiterbasis der Sende-/Empfangsmodule [20]:
| Eigenschaft | GaAs (APG-81) | GaN-auf-SiC (APG-85) | Verbesserung |
|---|---|---|---|
| Bandlücke | ~1.4 eV | ~3.4 eV | 2.4x |
| Durchbruchfeldstärke | ~0.4 MV/cm | ~3.3 MV/cm | ~8x |
| Leistungsdichte | ~1.5 W/mm | 5–12 W/mm | 3–8x |
| Power Added Efficiency | 25–40% | 50–65% | ~1.5–2x |
Quellen: Qorvo GaN/GaAs-Analyse [21], Military Embedded Systems [22]
Das AN/APG-85, ebenfalls von Northrop Grumman entwickelt, ist für F-35-Lot 17 und nachfolgende Produktionslose vorgesehen [23]:
Das volle Potenzial des AN/APG-85 hängt von der erfolgreichen Integration der Technology Refresh 3 (TR-3) Computerinfrastruktur ab. Die TR-3-Softwarestabilisierung dauert bis mindestens 2026 an [24].
Die chinesische J-20 verfügt über das Type 1475 AESA-Radar mit geschätzten 2'000–2'200 TRMs in einer grösseren Apertur [25]. Das AN/APG-85 ist die Antwort auf diesen physikalischen Nachteil: Da die F-35 ihren Nasenkegel nicht vergrössern kann, muss sie die Leistung pro Modul steigern.
Die Schweizer F-35A werden gemäss aktuellem Kenntnisstand mit dem AN/APG-81 ausgeliefert, nicht mit dem AN/APG-85 [26]. Dies resultiert in einer geschätzten 33% geringeren Ersterkennungsreichweite gegenüber APG-85-ausgerüsteten Verbündeten.
Die F-35 verfügt über interne und externe Waffenstationen, deren Nutzung die Stealth-Signatur direkt beeinflusst [27].
Ab Lot 15 ermöglicht der Sidekick-Adapter die interne Mitnahme von 6 statt 4 AIM-120 AMRAAM in den F-35A/C-Varianten [28]. Der Adapter ist nicht kompatibel mit der F-35B.
6 externe Stationen (3 pro Flügel) mit einer Gesamttraglast von bis zu 8'160 kg (18'000 lbs) [27]. Die Nutzung externer Pylone erhöht den Radarquerschnitt erheblich.
Maximale externe Beladung unter Verzicht auf Stealth-Eigenschaften. Typisch für Szenarien mit etablierter Luftüberlegenheit.
| Waffe | Typ | Status |
|---|---|---|
| AIM-120D AMRAAM | BVR-Luft-Luft | Operationell |
| AIM-9X Sidewinder | WVR-Luft-Luft | Operationell |
| GBU-31/32 JDAM | GPS-gelenkte Bombe | Operationell |
| GBU-39 SDB I | Small Diameter Bomb | Operationell |
| GBU-53/B StormBreaker | Trimodale Lenkbombe | Operationell |
| AGM-154 JSOW | Standoff-Gleitbombe | Operationell |
| AIM-260 JATM | Langstrecken-Luft-Luft | In Entwicklung (Block 4) |
| AGM-88G AARGM-ER | Anti-Radar-Rakete | Interne Integration geplant |
| JSM (Joint Strike Missile) | Anti-Schiff/Land-Attack | Norwegen/Australien |
Die Stealth-Eigenschaften der F-35 basieren auf mehreren komplementären Technologien [29].
Der geschätzte RCS der F-35 liegt bei ~0.001–0.01 m² in der frontalen Hemisphäre – vergleichbar mit der Grösse eines Golfballs [30]. Dieser Wert gilt für X-Band-Frequenzen, wie sie von den meisten taktischen Radaren genutzt werden.
Die F-35 nutzt Fibermat-Technologie – radarabsorbierende Materialien, die direkt in die Aussenhaut eingebacken sind [29]. Im Vergleich zur F-22 mit aufgeklebten RAM-Beschichtungen ist dies korrosionsbeständiger und wartungsärmer.
Anstelle einer konventionellen Splitter-Platte verwendet die F-35 einen Kompressionsbuckel vor dem Triebwerkseinlauf [31]. Vorteile:
Für Friedensflüge und Übungen werden 4 Luneburg-Linsen-Reflektoren (2 oben, 2 unten) angebracht, die den RCS absichtlich vergrössern [32]. Im Kampfeinsatz werden sie entfernt.
Gegen VHF-Radare (Very High Frequency, Wellenlänge ~1–3 m) sind Stealth-Flugzeuge wie die F-35 aufgrund von Resonanzeffekten deutlich sichtbarer [33]. Russische Systeme wie das Nebo-M nutzen dies gezielt aus.
Die Sensorfusion ist das Herzstück der F-35 und der wichtigste Differentiator gegenüber Kampfflugzeugen der vierten Generation [34].
Alle Sensordaten – Radar (APG-81), Infrarot (DAS, EOTS), elektronische Aufklärung (ASQ-239) und Datenlinks (MADL, Link-16) – werden in einer zentralen Fusions-Engine korreliert und zu einem einheitlichen taktischen Lagebild verknüpft [34].
Das 50×20 cm grosse Touchscreen-Display (20×8 Zoll) ersetzt herkömmliche Einzelinstrumente und zeigt das fusionierte Lagebild in konfigurierbaren Ansichten [35].
Entwickelt von Collins Aerospace (RTX) und Elbit Systems, ermöglicht der Gen-III-Helm [36]:
Die F-35 operiert nicht primär als kinematische Waffenplattform, sondern als Sensorknoten in einem vernetzten "Kill Web" [37]. Die Fähigkeit, Informationen zu absorbieren, zu verarbeiten und zu verteilen, ist operationell bedeutsamer als Geschwindigkeit oder Manövrierfähigkeit allein.
MADL ist der stealth-optimierte Datenlink der F-35, der im Ku-Band mit gerichteten Phased-Array-Antennen arbeitet [38]:
Der standardisierte NATO-Datenlink für breite Interoperabilität [39]:
F-35 (MADL) und F-22 (IFDL) können nicht direkt miteinander kommunizieren [39]. Lösungsansätze:
Die Block-4-Modernisierung umfasst ursprünglich 66 neue Fähigkeiten, wurde jedoch aufgrund massiver Verzögerungen und Kostenüberschreitungen reduziert [43]:
| Parameter | Ursprünglich geplant | Aktueller Stand (2025) |
|---|---|---|
| Fertigstellung | 2026 | 2031+ |
| Kosten | ~12 Mrd. USD | ~18+ Mrd. USD (+6 Mrd. über Budget) |
| Fähigkeiten | 66 | Auf "Subset" reduziert |
Quelle: GAO-25-107632 [43]
TR-3 ersetzt den Legacy Integrated Core Processor (ICP) durch ein neues System mit [35]:
Chronologie der Verzögerungen:
ALIS (Autonomic Logistics Information System) war das ursprüngliche Wartungsinformationssystem der F-35 mit gravierenden Problemen [45]:
ODIN (Operational Data Integrated Network) ersetzt ALIS als cloud-basiertes System [45]:
Bereits in Planung als Nachfolger der Block-4-Modernisierung mit weiteren Fähigkeitserweiterungen [46].
Das AN/ASQ-239, entwickelt von BAE Systems, ist das integrierte elektronische Kampfführungssystem der F-35 [47].
BAE Systems entwickelt den Digital Channelized Receiver Techniques Generator (DTIP) [48]:
Über 1'200 AN/ASQ-239-Systeme wurden bis Ende 2024 ausgeliefert [47]. BAE Systems investiert 100 Mio. USD in eine neue Fertigungsanlage (7'400 m²) mit KI-gestützter Automatisierung und einer Kapazität von 11 Systemen pro Monat [49].
[1] Laird, R. F. & Timperlake, E.: The F-35 and the Future of Power Projection. NDU Press
[3] United States Air Force: F-35A Lightning II Fact Sheet
[4] Lockheed Martin: F-35 Lightning II Broschüre (PDF)
[5] GAO-25-107632: F-35 JSF: Actions Needed to Address Late Deliveries. 2025
[6] RTX / Pratt & Whitney: F135 Engine – Powering the F-35 Lightning II
[7] RTX / Pratt & Whitney: F135 Fast Facts 2025 (PDF)
[8] Pratt & Whitney: F135 Engine Characteristics
[9] Pratt & Whitney: F135 Engine Core Upgrade
[10] Air & Space Forces Magazine: Engine Core Upgrade for F-35 Passes PDR. 2024
[11] Air & Space Forces Magazine: Air Force Skips AETP Engines for F-35, Presses on with NGAP. 2024
[12] Air & Space Forces Magazine: Pentagon Hands Out $7 Billion for NGAP Engine. 2025
[13] Lockheed Martin: F-35 Mission Systems Design, Development, and Verification (PDF)
[14] Northrop Grumman: AN/APG-81 AESA Fire Control Radar
[15] Wikipedia: AN/AAQ-37 Distributed Aperture System
[16] RTX / Raytheon: Electro-Optical Distributed Aperture System
[17] Lockheed Martin: F-35 Electro Optical Targeting System (EOTS)
[18] Lockheed Martin: EOTS Product Card (PDF)
[19] Northrop Grumman: 100th Communications, Navigation, and Identification System Delivered. 2013
[20] Vergleichsstudie APG-81/APG-85, Meier B., 2025 – basierend auf öffentlichen Quellen (interne Studie, siehe docs/APG-81_APG-85_Vergleichsstudie)
[21] Qorvo: X-Band Radar: Driving Defense Applications with GaN and GaAs Technology
[22] Military Embedded Systems: GaN Technology in AESA Radar Systems
[23] Northrop Grumman: Developing the Next Generation Radar for the F-35. 2023
[24] Defense News: Key tests for latest F-35s will begin in 2026. 2025
[25] Air University / CASI: A Look at the J-20 AESA Radar
[26] Breaking Defense: Eyeing risk of radar delays, Lockheed proposes new F-35 fuselage design. 2025
[27] Aerospaceweb: F-35 Weapon Carriage Capacity
[28] The War Zone: F-35 Closer To Carrying Six AIM-120 Missiles Internally. 2023
[29] Wikipedia: Lockheed Martin F-35 Lightning II – Design
[30] GlobalSecurity: Stealth / Low Observable Technology
[31] Wikipedia: Diverterless Supersonic Inlet
[32] The Aviation Geek Club: Luneburg Lens Radar Reflectors. 2022
[33] Fly a Jet Fighter: The F-35 Facing Russian and Chinese VHF Radars. 2023
[34] F35.com: Sensor Fusion in Focus
[35] Lockheed Martin / F35.com: Block 4 Capabilities
[36] Collins Aerospace / RTX: Gen III Helmet Mounted Display System; Elbit Systems of America: F-35 HMDS
[37] NDU Press: The F-35 and the Future of Power Projection
[38] Wikipedia: Multifunction Advanced Data Link
[39] Air & Space Forces Magazine: The F-22 and the F-35 Are Struggling to Talk
[40] The War Zone: F-22 And F-35 Datalinks Finally Talk via U-2 Gateway. 2021
[41] Air & Space Forces Magazine: F-35 Cues Ground Artillery with New Data Gateway. 2025
[42] Bulgarian Military: Danish F-35 fighters test DAGGR-2. 2025
[43] GAO-25-107632: F-35 JSF: Actions Needed to Address Late Deliveries (PDF). 2025
[44] Defense Security Monitor: A Sobering Report on the DoD's Largest Weapons Program. 2025
[45] Air & Space Forces Magazine: F-35 Program Dumps ALIS for ODIN
[46] Air & Space Forces Magazine: First F-35 Block 4 Updates, Block 5. 2025
[47] BAE Systems: AN/ASQ-239 F-35 EW Countermeasure System
[48] Military Embedded Systems: Block 4 work for F-35 EW system gets BAE Systems update. 2023
[49] Microwaves & RF: Enhanced EW Upgrades AN/ASQ-239 System. 2024