Die europäische Sicherheitsarchitektur ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine fundamental erschüttert. Für die Schweiz als neutralen Kleinstaat mit dichter Infrastruktur und geopolitisch bedeutsamer Lage im Herzen Europas ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Dieses Kapitel analysiert die strategische Bedrohungslage aus fünf Perspektiven: die russische Militärtransformation, die spezifische Bedrohungslage der Schweiz, alternative Verteidigungstechnologien, die aktuelle Verteidigungsstrategie und historische Lehren aus der Armee XXI.
Der Krieg in der Ukraine transformiert die russische Militärdoktrin unter Kampfbedingungen. Die zentrale Erkenntnis: Kriege zwischen annähernd gleichwertigen Mächten werden als Abnutzungskriege geführt, in denen wirtschaftliche Kapazitäten über Sieg oder Niederlage entscheiden (Vershinin, RUSI 2024). Die RUSI-Studie zu taktischen Entwicklungen dokumentiert den Übergang zu flexiblen, drohnengestützten Kampfgruppen (RUSI, 2025).
Das CSIS identifiziert sechs Schlüsselbereiche: autonome Systeme, Information und Kommunikation, industrielle Resilienz, Logistik-Transformation, elektronische Kriegführung und die veränderte Bedeutung von Bodentruppen (CSIS, 2025).
Spezialisierte Drohneneinheiten ("Rubicon-Zentren") haben die russische Aufklärungs- und Wirkungskette revolutioniert. Gemäss Mick Ryans CSIS-Analyse zeichnen sie sich durch strukturelle Innovation, technologische Standardisierung und taktische Überlegenheit aus -- darunter glasfasergesteuerte Drohnen, die immun gegen elektronische Störmassnahmen sind (Ryan, CSIS 2025).
Die Sättigung des Schlachtfelds mit Drohnen hat drastische Konsequenzen: Innerhalb von 15 Kilometern der Frontlinie ist Fahrzeugbewegung praktisch unmöglich geworden. Die Ukraine produzierte 2024 rund 2 Millionen Drohnen; Russland kann etwa 30'000 Shahed-artige Drohnen pro Jahr herstellen. Die Integration künstlicher Intelligenz erhöhte die Trefferquote autonomer Drohnen von 10-20% auf 70-80% (CSIS: Drohnenkrieg).
China verfolgt das Konzept der "Intelligentized Warfare" -- die Integration von KI, Big Data und autonomen Systemen in alle Ebenen der Kriegführung (Air University, 2022). Die RAND Corporation dokumentiert drei Entwicklungen: strategische Neubewertung, eigenes Hybridkriegsmodell und systematische Untergrabung von US-Allianzstrukturen (RAND, 2024).
Besonders gravierend ist die Rolle Chinas bei der Sanktionsumgehung: ca. 90% der Güter auf Russlands G7-Exportkontrollliste stammen aus China, mit Dual-Use-Lieferungen von über 4 Mrd. USD in 2024 (USCC, 2025). Die militärische Kooperation vertieft sich in Bereichen wie gemeinsame Manöver und Technologietransfer (CEPA, 2024).
Russland hat trotz Sanktionen eine beeindruckende Kriegswirtschaft etabliert (SIPRI, 2025):
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Geplante Militärausgaben 2025 | 15,5 Billionen Rubel |
| Anteil am BIP | 7,2% |
| Militär- und Sicherheitsausgaben am Haushalt | ca. 40% |
| Steigerung gegenüber Vorkriegsniveau | Verdopplung |
Das IISS konstatiert eine Verdreifachung der Raketenproduktion (IISS, Military Balance 2025). Allein im Oktober 2025 setzte Russland rund 5'300 Shahed-Drohnen, 74 Marschflugkörper und 148 ballistische Raketen ein (CSIS: Luftangriffe Oktober). Die Kosteneffektivität dieser Strategie analysiert das CSIS in einer separaten Studie (CSIS: Kosteneffektivität).
Der Nachrichtendienst des Bundes beurteilt die Sicherheitslage als so bedrohlich wie nie zuvor. NDB-Direktor Christian Dussey: "Unser Lageradar zeigt 15 Brennpunkte gleichzeitig -- eine solche Bedrohungsdichte haben wir noch nie erlebt" (NDB: Sicherheit Schweiz 2025).
Zentrale Befunde:
Die Sicherheitspolitische Strategie 2026 warnt explizit: Ab 2028 könne sich ein "Verwundbarkeitsfenster" ergeben, in dem Europa noch nicht verteidigungsfähig ist, während Russland die Kriegswirtschaft hochfährt (VBS: Sicherheitspolitische Strategie; SEPOS).
| Waffensystem | Typ | Geschwindigkeit | Reichweite |
|---|---|---|---|
| Iskander-M | Ballistische Kurzstreckenrakete | Mach 6-7 | 500 km |
| Kh-47M2 Kinzhal | Hyperschall-Luft-Boden-Rakete | Mach 10 | 2'000 km |
| 3M22 Zircon | Hyperschall-Marschflugkörper | Mach 8-9 | 1'000 km |
| Shahed-136 | Loitering Munition | ca. 180 km/h | 2'500 km |
Die SWP analysiert, dass konventionelle Marschflugkörper durch alpine Täler fliegen können, um der Detektion zu entgehen (Terrain Masking) (SWP, 2023). Armasuisse befasst sich mit der Bedrohung durch Hyperschall-Gleitflugkörper (Armasuisse: Hyperschall). Das IFSH untersucht die Rüstungskontrolle bei Hyperschallwaffen (IFSH).
Der alpine Radarschatten: Ein Hyperschall-Gleitflugkörper mit Mach 10 überbrückt die Distanz von der österreichischen Grenze nach Bern (ca. 150 km) in unter 45 Sekunden. Ein konventioneller Marschflugkörper erreicht Zürich von der deutschen Grenze in weniger als 10 Minuten.
Russland führt bereits einen hybriden Krieg gegen Europa: Sabotage kritischer Infrastruktur, maritime Operationen gegen Unterseekabel und gezielte Behinderung der NATO-Mobilität (CSIS: Shadow War). Die Schweiz ist als Finanzplatz, Rohstoffhandelsdrehscheibe und Sitz internationaler Organisationen besonders exponiert (ECFR: Switzerland). Pro-russische Hacktivisten greifen kritische Infrastrukturen an (CISA, 2025; ECFR: Energiesicherheit).
Die NDU Press analysiert die Schweizer Neutralität nach der russischen Invasion: Im Ernstfall stünde die Schweiz vor der Entscheidung zwischen Abschuss durchfliegender Raketen (Risiko Kriegsbeteiligung) und Passivität (Verlust der Souveränität) (NDU Press, 2023).
PCL-Systeme emittieren keine eigene Energie, sondern nutzen existierende Sender (FM-Radio, DAB+, DVB-T, 5G) als "Illuminators of Opportunity". Das führende System ist das Hensoldt TwInvis (Hensoldt: TwInvis):
| Merkmal | Spezifikation |
|---|---|
| Detektionsreichweite | 250 km |
| Gleichzeitige Ziele | über 200 in 3D |
| Aufstellung | 2 Personen |
| Genutzte Signale | FM, DVB-T, DAB+ |
Hensoldt stellte 2023 eine deployable Militärvariante vor und rechnet mit über 100 Bestellungen (Defense News, 2023). Das System demonstrierte seine Fähigkeiten bei der FAA (Hensoldt: FAA) und wird ab 2026 für die zivile Luftfahrt zertifiziert (Hensoldt: Zivilluftfahrt).
Alpiner Vorteil: Die Schweizer DAB+-Abdeckung von 99,9% und eines der dichtesten 5G-Netze Europas bieten ideale Voraussetzungen. PCL-Systeme kosten 10-20% eines aktiven AESA-Radars, mit einem TCO-Einsparpotenzial von 79% über 20 Jahre. Da sie keine Strahlung emittieren, sind sie immun gegen Anti-Radiation Missiles. Akademische Grundlagen dokumentieren Publikationen der Universität La Sapienza Rom und IET-Fachjournale. Versuche mit DVB-T-Signal an einem Pilatus PC-12 zeigen die praktische Anwendbarkeit (ResearchGate, 2022). Armasuisse forscht mit NATO-PfP-Partnern an Aufklärungstechnologien (Armasuisse: Joint Research; Armasuisse: RadCom).
In der Ukraine operieren über 14'000 akustische Sensoren im "Sky Fortress"-System, ergänzt durch das "Zvook"-System. Jeder Sensor besteht aus einem Parabolspiegel, Mikrofon, Android-Telefon und Backup-Batterie (Zvook; United24 Media, 2025).
KI-basierte Klassifikation senkte die Falsch-Positiv-Rate auf 1,6%. Die NATO hat Finanzierung für 15'000 zusätzliche Sensoren zugesagt (Militarnyi, 2025; AlgorithmWatch, 2025; C-UAS Hub).
Lasersysteme: Das Rheinmetall Skyranger 30 HEL integriert 30mm-Kanone, Lenkwaffen und einen 20-kW-Hochenergielaser. Deutschland bestellte 19 Systeme für ca. EUR 595 Mio. (Rheinmetall, 2022).
High-Power Microwave: Das Epirus Leonidas deaktivierte 61 von 61 Drohnen in fünf Szenarien -- darunter einen 49-Drohnen-Schwarm mit einem einzigen Puls. Kosten pro "Abschuss": wenige US-Cent (Breaking Defense, 2025; Epirus, 2025).
Kinetische Interzeptoren: Das Rheinmetall Skynex mit AHEAD-Munition (35mm) kostet ca. 4'000 EUR pro Abschuss -- deutlich günstiger als IRIS-T (300'000-500'000 EUR) oder Patriot (3-4 Mio. USD) (Defence-UA).
| Angreifer | Kosten | Verteidiger | Kosten | Verhältnis |
|---|---|---|---|---|
| Shahed-136 | 20'000-50'000 USD | Patriot PAC-2 | 1-2 Mio. USD | 1:40-100 |
| Drohnenschwarm (49 Stk.) | ca. 1-2,5 Mio. USD | Leonidas HPM (1 Puls) | wenige Cent | umgekehrt |
Die Patriot-Jahresproduktion beläuft sich auf lediglich ~650 Raketen weltweit (Norsk Luftvern, 2025; Norsk Luftvern: Realität; Euro-SD, 2025).
Am 17. Oktober 2024 unterzeichnete die Schweiz die ESSI-Beitrittserklärung als 15. Mitglied (Bundesrat, 2024). Neutralitätsvorbehalte: Suspendierungsklausel, volle Entscheidungsautonomie, keine Netzwerkintegration (Defense News, 2024; swissinfo, 2025).
Im Juli 2025 schloss die Schweiz einen Vertrag über fünf IRIS-T SLM-Systeme für 500 Mio. CHF (Army Recognition, 2025).
| Aspekt | Ursprünglich | Aktuell |
|---|---|---|
| Anzahl F-35A | 36 | 24-30 |
| Gesamtkosten | 6 Mrd. CHF ("Fixpreis") | 6,65-7,3 Mrd. CHF |
| Mehrkosten | 0 | 0,65-1,3 Mrd. CHF |
| Flugplatzinfrastruktur | 120 Mio. CHF | 200 Mio. CHF (+67%) |
(SRF, 2025; Flugrevue, 2025; NZZ: Flugplätze, 2026)
Die fünf bestellten Patriot-Feuereinheiten sollten 2026-2028 geliefert werden. Im Juli 2025 informierten die USA über Verschiebung auf unbestimmte Zeit wegen Priorisierung der Ukraine. 650 Mio. CHF bereits bezahlt, kein konkreter Liefertermin (Tages-Anzeiger, 2025; VBS: Patriot-Verzögerung).
Die Armeebotschaft 2025 beantragt 1,7 Mrd. CHF mit Schwerpunkt auf neuem Artilleriesystem (VTG: Armeebotschaft). Der Zahlungsrahmen 2025-2028 umfasst 25,8 Mrd. CHF, vom Parlament auf 29,8 Mrd. erhöht, mit dem Ziel 1% BIP bis 2032 (VTG: Zahlungsrahmen). Die VBS-Taskforce Drohnen erprobt die Technologiereife von Angriffs- und Abwehrdrohnen (VBS: Taskforce Drohnen; VBS: Rüstungspolitische Strategie).
Am 18. Mai 2003 stimmte das Volk mit 76% der Armee XXI zu (Swissvotes: 495.00; Bundeskanzlei, 2003). Die Reform versprach 120'000-140'000 Aktive, 80'000 Reserve und 4,3 Mrd. CHF Budget pro Jahr (Parlament: 02.053).
Die Reduktion der Hauptwaffensysteme zwischen 1990 und 2025:
| Waffensystem | 1990 | 2025 | Reduktion |
|---|---|---|---|
| Kampfpanzer | 860 | 134 | -84% |
| Kampfflugzeuge | 272 | 86 | -68% |
| Artilleriesysteme | ~4'900 | 133 | -97% |
| Fliegerabwehr | Stärkste in Europa | Nur noch Stinger | ~-97% |
Militärhistoriker Mantovani: "Die Schweiz hat die Verteidigungsfähigkeit verloren" (NZZ, 2022). Die NZZ dokumentiert das "Politikversagen bei der Schweizer Armee" (NZZ, 2023). Die Offiziersgesellschaft "Panzer" beziffert den Gesamtbedarf auf 100 Mrd. CHF (NZZ, 2024).
Armeechef Thomas Süssli bilanzierte im Dezember 2025 (NZZ, 2025; SRF, 2025):
Süssli trat per Ende 2025 zurück (VTG: Rücktritt Süssli). Die WEA 2018 war ein Korrekturversuch mit Sollbestand 100'000 (VTG: WEA).
Die CSS-ETH-Studie "Sicherheit 2025" zeigt: 53% befürworten NATO-Annäherung, 32% können sich einen Beitritt vorstellen. Gleichzeitig besteht mit 87% weiterhin breiter Konsens zur Neutralität (CSS ETH, 2025; CSS Bulletin 2025).
Die Patriot-Krise illustriert das Grunddilemma: 650 Mio. CHF bezahlt, kein Liefertermin, keine Systeme. Die Schweiz zahlt Premiumpreise, erhält aber Nachrangbehandlung gegenüber NATO-Mitgliedern. Die Kombination aus russischer Kriegswirtschaft, chinesischer Technologieunterstützung, hybrider Kriegführung und der Verwundbarkeit der Schweizer Infrastruktur erfordert einen ganzheitlichen Ansatz: passive Sensorik, Cyber-Resilienz, gerichtete Energiewaffen und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit.
Die RAND Corporation analysiert die Lehren für NATO-Doktrin (RAND, 2025), die Hoover Institution die Auswirkungen neuester Militärtechnologien (Hoover, 2024). Die nächsten Jahre stellen ein Verwundbarkeitsfenster dar -- die Zeit für strategische Entscheidungen drängt.
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