Die Beschaffung von Kampfflugzeugen des Typs F-35A Lightning II im Rahmen des Programms Air2030 stellt das grösste Rüstungsgeschäft der Schweizer Geschichte dar. Der Prozess begann 2019 mit dem Planungsbeschluss 19.039, der einen Finanzrahmen von maximal 6 Milliarden Franken festlegte. Am 27. September 2020 stimmte das Schweizer Stimmvolk diesem Beschluss mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,1% zu. Im Dezember 2025 musste der Bundesrat eingestehen, dass der vertraglich vereinbarte «Festpreis» von der US-Seite als «Missverständnis» bezeichnet wird – mit Mehrkosten von 650 Millionen bis 1,3 Milliarden USD als Folge.
Am 26. Juni 2019 unterbreitete der Bundesrat dem Parlament die Botschaft zu einem Planungsbeschluss über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge (BBl 2019 5081). Der Planungsbeschluss sah ein maximales Finanzvolumen von 6 Milliarden Franken vor. Er legte nicht fest, welcher Flugzeugtyp und wie viele Kampfflugzeuge beschafft werden sollten – der Entscheid über Typ und Anzahl lag beim Bundesrat [1].
Die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates (SiK-N) stimmte dem Planungsbeschluss in der Gesamtabstimmung mit 18 zu 5 Stimmen zu [2]. Die Finanzkommission des Ständerates (FK-S) hielt fest, dass die 6 Milliarden Franken aus den vorgesehenen Mitteln für das VBS stammen müssten [3].
Am 20. Dezember 2019 verabschiedete das Parlament den Planungsbeschluss in der Schlussabstimmung. Der Beschluss unterstand dem fakultativen Referendum [1].
Am 27. September 2020 stimmte das Schweizer Stimmvolk über den Bundesbeschluss zur Beschaffung neuer Kampfflugzeuge ab. Das Ergebnis war historisch knapp [4]:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Ja-Stimmen | 50,1% |
| Stimmenvorsprung | 8'670 Stimmen |
| Stimmbeteiligung | 59,49% |
Das Volk hatte über den Finanzrahmen von maximal 6 Milliarden Franken abgestimmt – nicht über einen spezifischen Flugzeugtyp oder ein Vertragsmodell.
armasuisse führte die Evaluation von vier Kandidaten durch [5]:
Der Gripen E von Saab (Schweden) war im Vorfeld ausgeschieden.
Der F-35A erzielte in der Nutzwertanalyse 336 Punkte und damit den höchsten Gesamtnutzen – mit einem Vorsprung von mindestens 95 Punkten gegenüber dem Zweitplatzierten. Über den gesamten Lebenszyklus von 30 Jahren betrachtet war der F-35A rund 2 Milliarden Franken günstiger als das nächstgünstigste Angebot [6].
Die Zürcher Anwaltskanzlei Homburger AG wurde mit einer Plausibilitätsprüfung der Evaluation beauftragt (Kosten: 550'000 CHF). Homburger kam zum Schluss, dass die Rangfolge plausibel sei [6].
Am 30. Juni 2021 entschied der Bundesrat, 36 Kampfflugzeuge des Typs F-35A von Lockheed Martin und 5 Feuereinheiten Patriot von Raytheon zu beschaffen [6]:
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Beschaffungskosten F-35A | 5,068 Mia. CHF (Angebotsstand Feb. 2021) |
| Beschaffungskosten Patriot | 1,987 Mia. CHF |
| Geschätzte Gesamtkosten (30 Jahre) | 15,5 Mia. CHF |
| Kostenvorteil gegenüber Zweitguenstigstem | ~2 Mia. CHF |
Die Schweiz beschafft die F-35A über das US-amerikanische Foreign Military Sales (FMS) Programm, verankert im Arms Export Control Act (AECA) von 1976. Im FMS-System tritt die US-Regierung als Vermittler zwischen dem ausländischen Käufer und der US-Rüstungsindustrie auf. Die Defense Security Cooperation Agency (DSCA) administriert das Programm [7].
Die Kosten- und Verfügbarkeitsschätzungen in den LOAs basieren auf «best possible estimates» – bestmöglichen Schätzungen. Gemäss dem DSCA Security Assistance Management Manual (SAMM, Kapitel 5) werden die tatsächlichen Ausgaben zur Bestimmung der endgültigen Kosten herangezogen [8].
Am 30. September 2020 genehmigte das US State Department einen möglichen FMS-Verkauf von bis zu 40 F-35 an die Schweiz mit einem geschätzten Wert von 6,58 Milliarden USD [9].
Das FMS-Programm schliesst eine juristische Streitbeilegung aus. Bei Meinungsverschiedenheiten muss eine diplomatische Lösung gesucht werden.
Am 29. September 2021 reichte Nationalrätin Franziska Roth (SP) die Interpellation 21.4116 ein: «F-35-Beschaffung. Bestmöglich geschätzte Zielpreise oder verbindliche Festpreise?» Die Fragen basierten auf genauer Kenntnis des US-Rüstungsrechts [10].
Die Antwort lautete: «Die Inflation (Teuerung) ist in den Festpreis eingepreist. [...] Die US-Regierung beschafft die Flugzeuge zu Festpreisen und verkauft sie zu denselben Festpreisen weiter an die Schweiz.» [10]
Projektleiter Darko Savic (armasuisse) erklärte: «Das heisst, diese Art von Risiken [Inflation] liegen nicht auf unserer Seite.»
Die DSCA informierte die Schweiz schriftlich, dass der Festpreis aus ihrer Sicht ein «Missverständnis» sei [11].
Am 25. Juni 2025 bestätigte das VBS, dass sich Mehrkosten ergeben. Ursachen: hohe Inflation in den USA und gestiegene Rohstoff- und Energiepreise im Nachgang zur Covid-19-Pandemie [11].
Am 13. August 2025 bestimmte der Bundesrat weitere Schritte. Die Gespräche mit den USA hatten gezeigt, dass die Schweiz den vertraglich vereinbarten Festpreis nicht durchsetzen kann [12].
Die Antwort auf Interpellation 21.4116 («Inflation ist im Festpreis eingepreist») steht im direkten Widerspruch zur DSCA-Mitteilung. Die «Note 55» zur LOA, die vom VBS als Absicherung interpretiert wurde, wird von der US-Seite anders ausgelegt.
Am 16. Februar 2022 unterbreitete der Bundesrat die Armeebotschaft 2022 mit dem Verpflichtungskredit von 6,035 Milliarden Franken für 36 F-35A (Wechselkurs 0,95 CHF/USD) [13].
Die SiK-N bestätigte am 30. August 2022, dass eine Erklärung der US-Botschaft den Festpreisvertrag bestätige – wies aber gleichzeitig auf drei EFK-Risiken hin: rechtliche Unsicherheit beim Fixpreis, fehlende Gerichtsbarkeit, und Betriebskostenunterschätzung [16].
Nur vier Tage nach dem Parlamentsbeschluss unterzeichnete Rüstungschef Martin Sonderegger den Beschaffungsvertrag über 6,035 Milliarden Franken. Die Medienmitteilung sprach davon, dass «die Preise verbindlich» seien [17].
Hinweis: Die Original-URL der Medienmitteilung msg-id-90403 war zeitweise nicht zugänglich. Archivierte Versionen sind über die Wayback Machine verfügbar [18].
Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) identifizierte drei Hauptrisiken [19]:
Zentrale Befunde des EFK-Berichts vom 21. Januar 2026 [20]:
| Befund | Detail |
|---|---|
| Kostenüberschreitung | 200 Mio. CHF prognostiziert statt 120 Mio. CHF bewilligt |
| Payerne | Baustart 6 Monate verspätet |
| Meiringen/Emmen | Verzögerung >1 Jahr; Baubewilligungen erst Mitte 2026 |
| Transparenzdefizit | Zusätzliche Projekte (~50 Mio. CHF) nicht vollständig ausgewiesen |
Die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates beschloss am 27. Juni 2025, die Geschäftsführung der Behörden zur Fixpreisfrage zu untersuchen [21]:
Die Finanzkommission des Nationalrates äusserte Besorgnis über «unbestimmte Verzögerungen» und Mehrkosten bei F-35 und Patriot [22].
| Datum | Betrag / Ereignis |
|---|---|
| Juni 2021 | 5,068 Mia. CHF (Angebotsstand Feb. 2021) |
| November 2021 | 6,035 Mia. CHF (Wechselkursanpassung 0,95 CHF/USD) |
| September 2022 | Vertragsunterzeichnung: 6,035 Mia. CHF (F-35A) + 1,987 Mia. CHF (Patriot) |
| August 2024 | JPO informiert armasuisse über mögliche Kostensteigerungen |
| Februar 2025 | DSCA: Festpreis sei «Missverständnis» |
| Juni 2025 | Mehrbedarf 650 Mio. – 1,3 Mia. USD inkl. MwSt |
| Dezember 2025 | Bundesrat: Reduktion auf maximal mögliche Anzahl innerhalb 6 Mia. CHF |
Für eine umfassende Luftverteidigung bräuchte die Schweiz 55 bis 70 moderne Kampfflugzeuge (Bericht «Luftverteidigung der Zukunft», 2017) [23].
60% des Vertragswertes als Kompensation mit Schweizer Unternehmen – rund 3 Milliarden USD für F-35A und 1,3 Milliarden USD für Patriot [24].
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Umfang | Teilendmontage und Tests von 4 F-35A in Emmen |
| Offset-Wert | ~500 Mio. USD |
| Personal | ~100 Mitarbeitende |
| Nacharbeiten | Aussenbeschichtung in Cameri (Italien) |
| Regionalverteilung | 40% Personal aus Romandie |
Genehmigung: Juni 2024 (armasuisse), Oktober 2025 (VBS definitiv) [25].
| Standort | Funktion | Status |
|---|---|---|
| Payerne | Hauptstandort, Trainingscenter, Simulatoren | Lieferung ab Mitte 2027; Baustart 6 Monate verspätet |
| Emmen | RUAG Endmontage (RIGI), Maintenance | Baubewilligung erst Mitte 2026 |
| Meiringen | Kavernenstationierung | Baubewilligung erst Mitte 2026 |
Quelle: EFK-Prüfbericht Januar 2026 (EFK-25102) [20]
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 26.06.2019 | Botschaft des Bundesrates (BBl 2019 5081) |
| 20.12.2019 | Schlussabstimmung Planungsbeschluss 19.039 |
| 27.09.2020 | Volksabstimmung: 50,1% Ja |
| 30.09.2020 | DSCA-Kongressnotifikation: bis 40 F-35, 6,58 Mia. USD |
| 30.06.2021 | Typenentscheid: 36 F-35A + 5 Patriot |
| 29.09.2021 | Interpellation 21.4116 Roth: «Zielpreise oder Festpreise?» |
| 24.11.2021 | Bundesrat: «Inflation ist im Festpreis eingepreist» |
| 16.02.2022 | Armeebotschaft 2022 (22.005) |
| 24.02.2022 | Russischer Einmarsch in die Ukraine |
| 02.06.2022 | Ständeratsdebatte; Fristsetzung (31:12) |
| Juli 2022 | EFK-Prüfbericht Risikomanagement |
| 15.09.2022 | Nationalratsdebatte; Zustimmung 124:66 |
| 19.09.2022 | Vertragsunterzeichnung |
| 2023–2024 | TR-3-Lieferverzögerungen im F-35-Programm |
| Aug. 2024 | JPO informiert über mögliche Kostensteigerungen |
| Feb. 2025 | DSCA: Festpreis sei «Missverständnis» |
| 01.04.2025 | Martin Pfister übernimmt VBS |
| 25.06.2025 | Mehrkosten 650 Mio. – 1,3 Mia. USD bekanntgegeben |
| 01.07.2025 | GPK-N beschliesst Inspektion zum Fixpreis |
| 13.08.2025 | Bundesrat: Festpreis nicht durchsetzbar |
| 12.12.2025 | Bundesrat: Reduktion auf maximale Anzahl innerhalb 6 Mia. CHF |
| 21.01.2026 | EFK-Prüfbericht Vorbereitungsarbeiten (Bauverzögerungen) |
[1] Schweizer Parlament: Curia Vista 19.039 – Planungsbeschluss Kampfflugzeuge
[2] Schweizer Parlament: SiK-N Medienmitteilung, 26. November 2019
[3] Schweizer Parlament: FK-S Medienmitteilung, 27. August 2019
[4] Bundeskanzlei: Volksabstimmung vom 27.09.2020
[5] armasuisse: Air2030 – Neues Kampfflugzeug
[6] Schweizerische Eidgenossenschaft: Medienmitteilung Typenentscheid, 30. Juni 2021
[7] DSCA: Foreign Military Sales – Overview
[8] DSCA: Security Assistance Management Manual (SAMM), Chapter 5
[9] DSCA: Switzerland – F-35 Joint Strike Fighter Aircraft and Weapons, 30. September 2020
[10] Schweizer Parlament: Interpellation 21.4116 (Roth) – «Zielpreise oder Festpreise?»
[11] VBS: Air2030 – Aktuelle Herausforderungen und weiteres Vorgehen, 25. Juni 2025
[12] VBS: Bundesrat bestimmt weitere Schritte, 13. August 2025
[13] Schweizer Parlament: Curia Vista 22.005 – Armeebotschaft 2022
[14] Schweizer Parlament: Amtliches Bulletin Ständerat, 2. Juni 2022
[15] Schweizer Parlament: Amtliches Bulletin Nationalrat, 15. September 2022
[16] Schweizer Parlament: SiK-N Medienmitteilung, 30. August 2022
[17] Wayback Machine: Archivierte Medienmitteilung Vertragsunterzeichnung, 19. September 2022
[18] news.admin.ch: Medienmitteilung Vertragsunterzeichnung (msg-id-90403)
[19] EFK: Air2030 Programme Risk Management – armasuisse (EFK-21410), Juli 2022
[20] EFK: Vorbereitungsarbeiten F-35A (EFK-25102), 21. Januar 2026
[21] Schweizer Parlament: GPK-N Medienmitteilung – Fixpreis F-35, 1. Juli 2025
[22] Schweizer Parlament: FK-N Medienmitteilung, 2. September 2025
[23] VBS: Bundesrat zur Beschaffung F-35A, 12. Dezember 2025
[24] armasuisse: Air2030 FAQ F-35A
[25] news.admin.ch: Projekt RIGI – RUAG Endmontage F-35, Oktober 2025
[26] armasuisse: Swiss F-35A from Italian Production (Cameri)