Ein modernes Kampfflugzeug agiert nicht allein. Es ist Teil eines Netzwerks aus anderen Flugzeugen, Bodenstationen und Kommandozentralen. Diese Vernetzung – in der Fachsprache Network Centric Warfare genannt – ermöglicht es, dass ein Flugzeug nicht nur seine eigenen Sensoren nutzt, sondern auch die Daten aller anderen Teilnehmer im Netzwerk empfängt. So entsteht ein gemeinsames Lagebild (Shared Situational Awareness), das weit über das hinausgeht, was ein einzelnes Flugzeug allein erfassen könnte [39].
Die F-35 verfügt über drei grundlegend verschiedene Kommunikationssysteme, die sich in Funktionsweise, Leistung und Stealth-Verträglichkeit fundamental unterscheiden.
| System | Verbindung | Stealth-kompatibel | Reichweite | Datenrate |
|---|---|---|---|---|
| MADL | F-35 ↔ F-35 | Ja (gerichteter Strahl) | 200–400 km | Hoch (10–50 Mb/s) |
| Link-16 | F-35 ↔ alle NATO-Plattformen | Nein (omnidirektional) | 300–500 km | Gering (max. 0,24 Mb/s) |
| SATCOM | F-35 ↔ Satellit ↔ Boden | Teilweise (je nach System) | Global | Variabel |
Der Multifunction Advanced Data Link (MADL) ist ein Datenlink, der exklusiv für die F-35 entwickelt wurde [38]. Er arbeitet im Ku-Band (12–18 GHz) und nutzt gerichtete Phased-Array-Antennen, die ihre Signale in extrem schmalen Strahlen (sogenannten Pencil Beams mit weniger als 2° Öffnungswinkel) aussenden.
Der entscheidende Unterschied zu Link-16: MADL sendet seine Signale nicht in alle Richtungen, sondern nur gezielt zum Empfänger. Ein Gegner müsste sich exakt im schmalen Strahlkegel befinden, um das Signal überhaupt aufzufangen – was in der Praxis sehr unwahrscheinlich ist. Die geringe Sendeleistung und der schmale Strahl machen eine Detektion selbst mit spezialisierten Aufklärungssystemen erst aus kurzer Distanz (unter 50 km) möglich [38].
Wenn mehrere F-35 in Formation fliegen, tauschen sie über MADL automatisch und in Echtzeit (Latenz unter 50 ms) folgende Daten aus:
Dadurch wird eine Gruppe von F-35 zu einem vernetzten Sensorsystem, das weit mehr erkennen und bekämpfen kann als jedes Einzelflugzeug.
MADL funktioniert ausschliesslich zwischen F-35. Es ist nicht kompatibel mit anderen Flugzeugtypen (Rafale, Eurofighter, F-16), nicht mit Bodenstationen und nicht mit AWACS-Aufklärungsflugzeugen. Für jede Kommunikation ausserhalb der F-35-Formation wird ein anderes System benötigt [39].
Link-16 ist der standardisierte taktische Datenlink der NATO, definiert im STANAG 5516 [46]. Er ermöglicht den Datenaustausch zwischen praktisch allen westlichen Militärplattformen: Kampfflugzeuge, AWACS, Kriegsschiffe, Flugabwehrsysteme und Bodenstationen. Link-16 arbeitet im L-Band (960–1215 MHz) und nutzt ein Frequenzsprungverfahren über 51 Kanäle mit über 77'000 Sprüngen pro Sekunde [47].
Link-16 überträgt taktische Informationen zwischen allen vernetzten Teilnehmern:
Link-16 nutzt omnidirektionale Antennen – die Signale werden in alle Richtungen gleichzeitig abgestrahlt (360°). Dies ist operativ notwendig, weil die Position der Kommunikationspartner in einem dynamischen Luftkampf ständig wechselt. Die Konsequenzen für die Tarnung sind gravierend:
Hohe Sendeleistung: Link-16-Terminals (MIDS-LVT) senden mit bis zu 200 Watt. Diese Energie breitet sich im L-Band nahezu ungehindert durch die Atmosphäre aus [47].
Detektierbarkeit durch gegnerische Systeme: Passive Aufklärungssysteme wie das tschechische VERA-NG können Link-16-Emissionen auf Entfernungen von über 230 km detektieren. Die physikalische Grenze liegt je nach Flughöhe bei 400 bis 600 km – weit jenseits der eigenen Waffenreichweite [45] [43].
Automatische PPLI-Sendungen: Selbst wenn ein Pilot bewusst keine taktischen Nachrichten sendet, überträgt das Link-16-Terminal im Hintergrund weiterhin periodische Positionsmeldungen (PPLI) zur Netzwerksynchronisation. Diese regelmässigen Sendungen bilden einen konstanten «Herzschlag», der die Anwesenheit eines Link-16-Netzwerks sofort verrät [47].
Präzise Ortung durch Zeitdifferenzmessung (TDOA): Systeme wie VERA-NG nutzen mehrere räumlich verteilte Empfangsstationen, die die Zeitdifferenz des eintreffenden Signals messen. Durch Multilateration (ähnlich dem GPS-Prinzip, aber in umgekehrter Richtung) kann die Position des Senders auf unter 100 Meter genau bestimmt werden – passiv, ohne eigene Signale auszusenden [45].
Die Schweizer F-35-Flotte benötigt Link-16 für die operative Einsatzführung, denn die Verbindung zu Schweizer Bodenstationen und Luftverteidigungszentren läuft zwingend über Link-16. Ohne diese Verbindung zum Kommando am Boden kann kein Lagebild an die F-35 übermittelt werden – das Flugzeug wäre auf seine eigenen Sensoren beschränkt. Doch jede Nutzung von Link-16 macht die Stealth-Eigenschaften der F-35 zunichte, da gegnerische EKF-Systeme die Position aus Hunderten Kilometern Entfernung bestimmen können.
SATCOM (Satellite Communication) ermöglicht Kommunikation über geostationäre oder niedrig fliegende Militärsatelliten. Damit kann eine F-35 auch dann mit Kommandozentralen kommunizieren, wenn keine direkte Sichtverbindung (Line of Sight) besteht – etwa bei Einsätzen weit entfernt vom eigenen Territorium oder hinter Gebirgsketten.
SATCOM löst das zentrale Problem von Link-16: Die F-35 kann ihre Daten über einen Satelliten an Bodenstationen weiterleiten, ohne omnidirektional senden zu müssen. Die Satellitenantennen richten ihren Strahl nach oben – weg vom Gegner am Boden oder in niedriger Flughöhe. Damit ist SATCOM eine Voraussetzung dafür, dass die F-35 in Stealth operieren und gleichzeitig mit dem Kommando am Boden verbunden bleiben kann.
Die vollständige SATCOM-Fähigkeit der F-35 (Block 4, Codename «Digger-2») ist bis mindestens 2031 verzögert – über zehn Jahre später als ursprünglich geplant [43]. Bis dahin bleibt Link-16 das primäre System für die Luft-Boden-Kommunikation.
Für die Schweiz kommt ein zusätzliches Problem hinzu: Die F-35 verfügt über voll funktionsfähige AEHF-Terminals (Advanced Extremely High Frequency) für geschützte US-Militärsatelliten, doch als Nicht-NATO-Land hat die Schweiz keinen Zugang zu diesem Satellitensystem [44]. Europäische Alternativen wie Syracuse IV (Frankreich), Skynet (Grossbritannien) oder das geplante IRIS²-Programm der EU wären technisch kompatibel, erfordern aber bilaterale Abkommen und zusätzliche Investitionen [42].
Ein zentraler Punkt wird in der öffentlichen Diskussion oft übersehen: Die F-35 braucht zwingend eine Datenverbindung zu den Kommandozentralen am Boden, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen.
Ohne geschütztes SATCOM stehen der Schweizer F-35-Flotte nur zwei Optionen zur Verfügung:
Beide Optionen sind unbefriedigend. Erst eine stealth-kompatible SATCOM-Verbindung oder eine MADL-Gateway-Infrastruktur am Boden würde dieses Dilemma auflösen [41] [42].
MADL ist der stealth-optimierte Datenlink der F-35, der im Ku-Band mit gerichteten Phased-Array-Antennen arbeitet [38]:
Der standardisierte NATO-Datenlink für breite Interoperabilität [39]:
F-35 (MADL) und F-22 (IFDL) können nicht direkt miteinander kommunizieren [39]. Lösungsansätze:
[38] Wikipedia: Multifunction Advanced Data Link
[39] Air & Space Forces Magazine: The F-22 and the F-35 Are Struggling to Talk
[40] The War Zone: F-22 And F-35 Datalinks Finally Talk via U-2 Gateway. 2021
[41] Air & Space Forces Magazine: F-35 Cues Ground Artillery with New Data Gateway. 2025
[42] Bulgarian Military: Danish F-35 fighters test DAGGR-2. 2025
[43] GAO-25-107632: F-35 Joint Strike Fighter – Actions Needed to Address Late Deliveries and Other Challenges. 2025
[44] Congressional Research Service: F-35 Joint Strike Fighter (JSF) Program. 2024
[45] ERA a.s.: VERA-NG Passive Surveillance System – Technical Datasheet. 2024
[46] NATO Standardization Office: STANAG 5516 Ed 4 – Tactical Data Exchange – Link 16. 2008
[47] Defense Logistics Agency: MIL-STD-6016F – Tactical Data Link (TDL) 16 Message Standard. 2023