Moderne Kampfflugzeuge werden von radargesteuerten Flugabwehrsystemen und Lenkwaffen bedroht. Diese Systeme senden Radarsignale aus, um das Flugzeug zu orten, zu verfolgen und Raketen auf es zu lenken. Die elektronische Kampfführung (englisch: Electronic Warfare, EW) hat die Aufgabe, solche Bedrohungen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken -- durch Warnung, Analyse und aktive Störung.
Das AN/ASQ-239 Barracuda von BAE Systems ist das integrierte elektronische Kampfführungssystem der F-35 [47]. Es ist das elektronische Schutzschild des Flugzeugs: Während die Stealth-Konstruktion der F-35 feindliche Radarsignale ablenkt und so die Ortung erschwert, übernimmt das Barracuda-System die aktive Seite des Schutzes -- es erkennt, analysiert und stört feindliche Sensoren gezielt.
Das AN/ASQ-239 arbeitet vollständig automatisiert im Hintergrund. Der Pilot muss nicht selbst nach Bedrohungen suchen. Das System übernimmt drei Aufgaben gleichzeitig:
Warnen: Es erkennt feindliche Radarsignale und zeigt dem Piloten auf seinen Displays automatisch alle Bedrohungen an -- mit Typ (z.B. Fliegerabwehr, Jagdflugzeug), Richtung und geschätzter Entfernung.
Bewerten: Das System unterscheidet automatisch zwischen ungefährlichen Suchradaren und akuten Bedrohungen wie einem Feuerleitradar, das gerade eine Rakete auf das Flugzeug lenkt. Je nach Bedrohungsstufe wird die Warnung priorisiert.
Schützen: Bei einer erkannten Bedrohung kann das System selbstständig elektronische Gegenmassnahmen einleiten -- beispielsweise Störsignale aussenden, die ein feindliches Radar blenden oder die Lenkung einer anfliegenden Rakete unterbrechen.
Das AN/ASQ-239 besteht aus mehreren Komponenten, die als Gesamtsystem zusammenwirken:
10 Hochfrequenz-Antennen (RF-Antennen) sind in den Vorderkanten der Flügel und des Leitwerks verbaut. Durch ihre Verteilung über das gesamte Flugzeug erfassen sie Radarsignale aus allen Richtungen -- eine lückenlose 360-Grad-Abdeckung. Das System arbeitet dabei multispektral: Es überwacht sowohl den Radiofrequenz-Bereich (RF) als auch den Infrarotbereich (IR), also Wärmesignaturen.
Die empfangenen Signale werden in Echtzeit analysiert. Das System bestimmt:
Erkennt das System eine akute Bedrohung, kann es mit gezielten elektronischen Gegenmassnahmen reagieren:
Das Barracuda-System arbeitet nicht isoliert. Es ist vollständig mit den anderen Sensoren der F-35 vernetzt:
Alle diese Daten werden zusammengeführt (fusioniert) und ergeben ein gemeinsames Lagebild, das mehr zeigt, als jeder einzelne Sensor allein erfassen könnte. Der Pilot sieht auf seinem Helmvisier und seinen Displays ein einziges, übersichtliches Bedrohungsbild -- die Komplexität der Datenverarbeitung bleibt im Hintergrund.
BAE Systems entwickelt den Digital Channelized Receiver Techniques Generator (DTIP) [48]:
Über 1'200 AN/ASQ-239-Systeme wurden bis Ende 2024 ausgeliefert [47]. BAE Systems investiert 100 Mio. USD in eine neue Fertigungsanlage (7'400 m²) mit KI-gestützter Automatisierung und einer Kapazität von 11 Systemen pro Monat [49].
[47] BAE Systems: AN/ASQ-239 F-35 EW Countermeasure System
[48] Military Embedded Systems: Block 4 work for F-35 EW system gets BAE Systems update. 2023
[49] Microwaves & RF: Enhanced EW Upgrades AN/ASQ-239 System. 2024